UNO: Westen muss noch lange in Afghanistan bleiben

8. Juni 2006, 14:24
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US-Botschafter in Kabul erwartet "blutigen Sommer" - Anschlag im Westen - Deutsche übernehmen ISAF-Kommando im Norden

Berlin - Ausländische Truppen müssen nach Einschätzung des Chefs des UN-Einsatzes in Afghanistan, Tom Koenigs, noch lange in dem Land bleiben.

Die Nato mit ihrer Isaf-Friedenstruppe müsse damit rechnen, zahlenmäßig mindestens in der jetzigen Stärke von etwa 9000 Soldaten im Land zu bleiben und Kämpfe auszufechten, sagte Koenigs am Donnerstag dem Deutschlandradio Kultur. Die Probleme des durch eine lange Zeit von Kriegen erschütterten Landes ließen sich nicht in drei bis vier Jahren lösen, ergänzte der Grünen-Politiker mit Blick auf die Übernahme des Isaf-Kommandos für Nord-Afghanistan durch die Bundeswehr. "Man kann noch nicht sagen, dass hier der Frieden herrscht, und man kann auch nicht sagen, dass hier in den nächsten zwei Jahren jeder Konflikt auf friedliche Weise ausgetragen wird." Es sei noch viel Arbeit nötig.

Mit dem Erreichten könne niemand zufrieden sein, sagte Koenigs. Bei der Konsolidierung von Armee und Polizei müsse noch viel geleistet werden. Viele Polizisten seien Analphabeten. Die Armee, die für die Sicherheit Afghanistans eine große Rolle spielen solle, könne auf keiner Tradition aufbauen, "denn die wäre immer negativ". Die jüngste Welle der Gewalt nannte Koenigs einen Ausdruck der Unzufriedenheit und der Armut.

US-Botschafter erwartet "blutigen Sommer"

Dem Land am Hindukusch steht nach den Worten des US-Botschafters in Kabul, Ronald Neumann, ein "blutiger Sommer" bevor. Die 2001 entmachteten Taliban glaubten, "dass die Nato-Staaten schwach sind und die Europäer weglaufen, wenn sie jetzt hart zuschlagen", sagte Neumann der "Süddeutschen Zeitung". Den knapp 2800 deutschen Soldaten in Afghanistan bescheinigte der Diplomat eine gute Arbeit. Es sei möglich, dass die Entschlossenheit der deutschen Soldaten von Zeit zu Zeit getestet werde. Die Deutschen müssten sich bei ihrer Diskussion über die wachsende Gefahr für ihre Soldaten fragen lassen, "ob die dortige Aufgabe kein Risiko wert ist". Die Antwort darauf sei allein eine deutsche Entscheidung. Doch dürften die an der Isaf beteiligten Länder angesichts der drastischen Alternativen für Afghanistan "nicht weglaufen, auch wenn es harte Monate gibt".

Selbstmordanschlag im Westen

Ein Selbstmordattentäter hat sich am Donnerstag im Westen Afghanistans in der Nähe eines Truppenkonvois afghanischer und ausländischer Soldaten in die Luft gesprengt. Bis auf den Attentäter sei niemand zu Schaden gekommen, teilte die Polizei mit. Der Anschlag ereignete sich in der Nähe der Stadt Farah, 800 Kilometer südwestlich von Kabul, wenige hundert Meter von einem Truppenlager entfernt, in dem US-Soldaten stationiert sind.

Deutsche übernehmen ISAF-Kommando im Norden

Am Donnerstag übernahm die deutsche Bundeswehr das Kommando über die internationale Stabilisierungstruppe ISAF im Norden Afghanistans mit dem Hauptquartier in Mazar-i-Sharif. Insgesamt sind in Afghanistan derzeit rund 2.500 deutsche Soldaten stationiert. (Reuters/APA/dpa)

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