"Mahnerin wider das Vergessen und Verdrängen"

7. Juni 2000, 16:24

Historikerin Erika Weinzierl ist 75

Wien - Sie wird als Grande Dame und Doyenne der österreichischen Zeitgeschichte bezeichnet: Am Dienstag (6. Juni) feierte die angesehene Historikerin Erika Weinzierl, deren Leben der Aufarbeitung des Nationalsozialismus galt und gilt, ihren 75. Geburtstag. Die "Mahnerin wider das Vergessen und Verdrängen" hatte sich während des Zweiten Weltkriegs im Widerstand engagiert, seit 1945 steht ihre wissenschaftliche Tätigkeit im Zeichen des Kampfes gegen Nationalsozialismus, Rechtsradikalismus, Faschismus und Antisemitismus.

Weiblicher Sisyphus der Aufklärungsarbeit

Der Ende März verstorbene Alt-Bundespräsident Rudolf Kirchschläger hatte Weinzierl 1995 als "die heute lebende Jeanne d'Arc" bezeichnet, für Nationalratspräsident Heinz Fischer (S) ist sie die "Mutter Courage der Zeitgeschichte und der weibliche Sisyphus der Aufklärungsarbeit". Weinzierl erhielt für ihre Verdienste im Laufe ihrer wissenschaftlichen Karriere, in der sie sich vor allem mit den Themen Kirchengeschichte, Widerstandsbewegung und Antisemitismus beschäftigte, zahlreiche Auszeichnungen.

Auszeichnngen

Dazu gehören das "Goldene Ehrenzeichen für Verdienste um das Land Wien" und der "Bruno Kreisky-Preis", den sie 1996 für ihr umfangreiches wissenschaftliches Lebenswerk (rund 700 Publikationen) verliehen bekam. Ebenfalls in Anerkennung ihres Gesamtwerkes erhielt sie 1998 den Wilhelm Hartel-Preis der Österreichischen Akademie der Wissenschaften. Von der "Aktion gegen den Antisemitismus", bei der sie seit 1970 tätig und deren "Ehrenpräsidentin" sie seit 1992 ist, erhielt Weinzierl die "Josef Bloch-Medaille" überreicht.

Widerstand und Studium

Erika Weinzierl wurde am 6. Juni 1925 als Erika Fischer in Wien geboren. Nach der Matura im Jahr 1943 leistete sie zunächst als Krankenschwester, danach als Straßenbahnschaffnerin und als Metalldreherin Arbeitsdienst. Noch während des Zweiten Weltkrieges begann sie ihr Medizinstudium, ehe sie 1945 zur Geschichte und Kunstgeschichte wechselte. Nachdem sie sich unter der NS-Herrschaft im Widerstand engagiert hatte, wirkte sie nach Kriegsende innerhalb der Hochschülerschaft am Wiederaufbau der Universität Wien mit. Ihr Studium schloss sie nach nur drei Jahren 1948 ab. Im gleichen Jahr heiratete sie den späteren Professor für Experimentalphysik, Peter Weinzierl. Dieser starb im Mai 1996.

Lehrstühle

Bereits 1961 habilitierte sich Weinzierl für Österreichische Geschichte an der Universität Wien mit einer Arbeit über "Die Österreichischen Konkordate von 1855 und 1933". Von 1964 bis 1992 fungierte die "kritische Katholikin" als Vorstand des Instituts für kirchliche Zeitgeschichte am Internationalen Forschungszentrum Salzburg. 1967 wurde Weinzierl außerordentliche, 1969 ordentliche Professorin für Österreichische Geschichte mit besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Salzburg. 1973 gründetet sie die österreichische Fachzeitschrift für Zeitgeschichtsforschung "Zeitgeschichte". Von 1979 bis 1990 war sie Vorstand des Instituts für Zeitgeschichte an der Universität Wien. Knapp nach ihrem 70. Geburtstag emeritierte sie im Juni 1995 als Universitätsprofessorin, blieb aber auch nach Beendigung ihrer Universitätslaufbahn wissenschaftlich tätig.

Warnung vor Jörg Haider

Schon früh hat Weinzierl vor der FPÖ und vor Jörg Haider gewarnt. "Die Dritte Republik Haiders ist ein Führerstaat", warnte sie etwa im April 1995. Im Spätherbst 1995 war Weinzierl Mitglied einer von SOS-Mitmensch eingesetzten Kommission zur Beobachtung des Nationalratswahlkampfes. 1997 trat sie für das Holocaust-Mahnmal am Wiener Judenplatz ein, die Aufstellung der Gedenktafel bezeichnete sie damals als "Zwischenschritt zur Aufarbeitung des Verhältnisses von Katholischer Kirche und Judentum in Wien".
(APA/red)

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