"Wer ist jetzt bei uns Kultursprecher?"

9. Juni 2006, 13:27
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"Change 06": SP irritiert Kunstschaffende

Wien - "Wann (an)erkennt die Kulturpolitik die Bedeutung des Films?" Dass man mit diesem Thema in der einschlägigen audiovisuellen Branche in Zeiten der Ausdörrung einiges Interesse lukrieren kann - dies bewies am Montagabend einmal mehr eine Veranstaltung im Project Space der Kunsthalle am Karlsplatz.

Gut gefüllt war das Auditorium, durchaus mit Spannung erwartet wurden, moderiert von TV-Star Harald Krassnitzer, die "Experten" am Podium: die Festivaldirektoren Christine Dollhofer (Crossing Europe) und Hans Hurch (Viennale) sowie die Produzenten Gabriele Kranzelbinder (Amour fou) und Veit Heiduschka (Wega Film). Wer dachte, dies alles würde, wegen sattsam bekannter Kritik der Filmbranche, auch zu einer Aktion in Sachen www.sos-orf.at, der wurde überrascht.

Phasenweise durchaus heftig angegriffen wurde an diesem Abend nämlich bevorzugt die SPÖ - was wiederum vor allem dem Veranstalter gehörig in die Knochen gefahren sein dürfte: Eingeladen hatte Chan-ge 06, jener Verein, dessen Gründer, der Anwalt Gabriel Lansky und SP-Ex-Finanzminister Ferdinand Lacina, bei einem ersten "Kultur Jour Fixe" im Birdland vor zwei Monaten zwar "parteipolitische Unabhängigkeit", aber den Willen zu einem "politischen Wechsel" proklamiert hatten.

In welche Richtung dieser politische Wechsel für Change 06 gehen soll, war schon im Birdland schnell klar, als SP-Chef Alfred Gusenbauer auf die Bühne trat und den geladenen Künstlern im Falle einer SP-Regierung einen Kunstminister versprach. Dass er auch harsche Kritik erntete ("Ihr habt uns lang im Stich gelassen"), wurde noch etwas bemüht als "Anregung zum lebendigen Dialog" gefeiert.

Am Montag im ProjectSpace kam es aber noch dicker: Viennale-Direktor Hurch wollte nämlich wissen, welche Konzepte die SPÖ in Sachen Film im Speziellen und der Kunst im Allgemeinen vorweisen könne. Darauf erschien zuerst SP-Finanzsprecher Christoph Matznetter auf dem Podium, um eher weitschweifig guten Willen zu bekunden. Es folgte der steirische SP-Kulturlandesrat Kurt Flecker und sagte: "Doppelt soviel Subvention wie bisher für Film!" Und: "Kunstminister!" Befragt nach Konzepten, meinte er: Dafür sei man ja jetzt da, eines zu entwickeln. Als SP-Kultursprecher sehe Josef Cap das sicher genauso.

Darauf der SP-Klubobmann aus dem Publikum: "Ich bin nicht Kultursprecher!" Flecker: "Aha, und wer ist jetzt ...?" "Die Muttonen!" "Aha." Christine Muttonen war übrigens ebenso wenig anwesend wie SP-Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny. Es folgte zunehmend mürrische Kritik an der Passivität der SPÖ in Sachen Kunst, etwa von der Filmemacherin Ruth Beckermann. Die Diskussion entgleiste. Das Entsetzen darüber stand nachher Zuhörern wie Ex-Stadträtin Ursula Pasterk oder Kunsthallen-Direktor Gerald Matt ins Gesicht geschrieben.

"Nicht so schlimm", meinte eine der Ko-Organisatorinnen von Change 06, Waltraud Orthner (Generalsekretärin des Wiener Volkstheaters): "Es wurden heute die falschen Fragen gestellt." Auf der Homepage www.change06.at kann man indessen zwecks Unterstützung des "Wechsels" eine Modelleisenbahn von Lacina oder "die legendäre Schweinchenkrawatte von Rudolf Edlinger" ersteigern . . . (Claus Philipp/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 31. 5. 2006)

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