Das 3. Jahrtausend

7. Juni 2000, 16:22

Visionen von Stephanie Puck

Kapitel 4

Am Abend standen Roland und Normaries startbereit bei einem der Fluggleiter. Zwei Soldaten brachten Jawil und Eliason, welche die Hände auf den Rücken gefesselt hatten. Die vier Jugendlichen setzten sich in die Maschine und Normaries gab durch vielerlei Codes den Startbefehl ein. Danach programmierte er die Koordinaten und die Reise begann. Der Pilot zog leicht an dem Joystick, der in dem kleinen Armaturenbrett eingearbeitet war, nach hinten, und der Gleiter stieß dem Himmel zu. Normaries setzte eine Nachtsichtbrille auf und bedeutete Roland, dass er doch endlich den beiden Prinzen die Fesseln lösen solle.

Eliason, der sich dem Soldaten gegenüber sehr skeptisch verhielt, blickte verdutzt nach vorne. Als ob der Pilot den misstrauischen Blick spüren könnte, fing er an von seinem Leben zu erzählen. Der Bursche war seit einigen Monaten bei der Armee und mit mangelhafter Ausbildung in die Schlacht geschickt worden. Er hatte so viel Leid gesehen und so viele Freunde verloren - nun wollte er Vergeltung.

Bald landete Normaries die Maschine nicht weit von der Stadt entfernt. Eliason riet dem Piloten zu gehen, so lange noch Gelegenheit dazu war, der jedoch lehnte den Vorschlag vehement ab: „Ich habe mein Leben lang nur darauf gewartet, mich zu bewähren. - Dies ist nun meine Chance!" - "Außerdem bin ich hier aufgewachsen, ihr werdet meine Hille noch brauchen," fügte er hinzu.

Roland legte ihm die Hand auf die Schulter und meinte: "Du musst es nicht tun, wenn es nicht dein Wille ist!" Normaries wandte den Kopf und sie blickten sich in die Augen. Dieser eine Blick sagte Roland alles, was er wissen musste. - "Danke" flüsterte er.

Normaries erklärte, wo sich die Prinzessin befand und wie man dorthin gelangte. Mit den Fingern ritzte er den Grundriss des Gebäudes in den Boden. Er schloss mit den Worten: "Doch ich warne euch. Es ist bis jetzt noch niemandem gelungen, in das Gebäude einzudringen und es auch wieder lebend zu verlassen. Doch für alles gibt es ein erstes Mal." Mit schnellen Schritten eilten die Jungen zur Hinterseite des Gebäudes.

Durch den Lüftungsschacht musste es möglich sein, in das Innere einzudringen. Doch die Öffnung war so schmal, dass sich nur Jawil hätte durchzwängen können. Also standen sie wieder ganz am Anfang und entschieden sich dafür, die beiden Prinzen auszuliefern. Vor dem Eingang mit den verspiegelten Glastüren waren zwei Wachposten, die alles absicherten. Normaries wechselte einige Worte mit ihnen und deutete aufgeregt zu Jawil und Eliason, die Roland am Kragen festhielt.

Sofort wurden sie hinein geschickt, um sich zu melden und Bericht zu erstatten. Im Inneren des Gebäudekomplexes erwartete sie bereits ein Mann. Roland dachte bei sich, dass dies der erste Erwachsene war, den er, seit er hier angekommen war, zu Gesicht bekommen hatte. Der Sicherheitsbeamte führte die Burschen durch Hunderte Gänge bis sie endlich zu einem Büro kamen. Der Beamte klopfte und öffnete langsam die Tür. Die Jugendlichen blieben in dem lang gezogenen Korridor stehen, bis sie gerufen wurden. Langsam und mit etwas unsicheren Schritten betraten sie den Raum.

Vor ihnen saß ein Mann in einem aus Leder gefertigten Stuhl. Er blickte zuerst zu den beiden Prinzen und danach zu den "beiden Soldaten“. Unwillkürlich brach der Mann in lautes Lachen aus. „Ihr seid also die beiden Prinzen der Rebellen“ sprach er erheitert. Eliason, der eine besonders unerschrockene Natur besaß, funkelte ihn mit hasserfüllten Augen an und meinte gelassen: „Ist es denn so schwer zu glauben?" "Schweig!", rief der Marschall erbost.

„Knie nieder vor mir und zoll deinem Herrscher Respekt!" "Lieber sterbe ich!" brüllte Eliason trotzig. "Du wirst dir noch wünschen, tot zu sein. Doch diesen Wunsch will ich dir nicht erfüllen. Unter meiner Herrschaft soll der Tod eine Belohnung sein," entgegnete der Marschall und sich zu Roland wendend meinte er: "Bringt die beiden zu ihrer Schwester, Soldat." Roland drehte sich auf dem Absatz und ging davon, die beiden Prinzen immer noch am Kragen fest haltend. Draußen stand wieder der Sicherheitsbeamte und führte sie in den Hochsicherheitstrakt des Gebäudes. Dann ließ er die vier Jugendlichen für einen Augenblick aus den Augen - in diesem Augenblick traf ihn etwas am Kopf. Normaries hatte ihn mit der Faust niedergeschlagen. Schnell versteckten sie den Beamten und liefen den Gang entlang. An der rechten Seite war eine Türe aus schwerem Eisen und links davon war eine Tafel mit Zeichen eingebaut. Da diese Tür keine Türschnalle besaß, musste wohl ein bestimmter Zahlencode den Öffnungsmechanismus auslösen. Roland wollte gerade mit der Hand das schwere Eisen berühren, doch Jawil riss ihn mit aller Kraft zurück. Der Bursche nahm vom Boden eine Hand voll Staub und warf sie in die Richtung der Türe. Leicht schimmernd kamen grüne Strahlen zum Vorschein. "Das sind Laserstrahlen, sie hätten dich sofort getötet, wenn du sie berührt hättest," meinte Eliason mit ruhiger Stimme.

Roland bückte sich hinunter und ergriff auch eine Hand voll Staub. Der Junge hielt die ausgestreckte Hand der Tafel zu und pustete die feinen Körner auf die Tasten. Leicht zeichneten sich die Fingerabdrücke auf den Knöpfen ab. Roland sah nochmals genau auf die Zeichen, die dort abgebildet waren. Der Knabe wusste, dass er sie schon gesehen hatte, nur kam er nicht darauf wo. Roland schloss langsam die Augen und wie in einem Traum kamen die Zeichen auf ihn zu. Seine Finger flogen wie von selbst über die Tasten. Die anderen sahen mit angehaltenem Atem zu, welches Kunststück er vollführte. Es gab Millionen Kombinationen und dieser Knabe drückte auf die Tasten, als wäre es ein leichtes, die richtigen Zeichen zu finden.

Mit lautem Ächzen öffnete sich die Türe und die Laserstrahlen verschwanden. In dem Raum stand ein Mädchen, das Gesicht der Wand zugekehrt. Jeder der Jungen wusste, wen er da vor sich hatte. Sowohl Roland als auch Normaries warfen sich vor ihr auf die Knie, den Kopf gesenkt und die eine Hand zur Schulter erhoben. Keiner der beiden wagte es, dem Mädchen in die Augen zu sehen. Jawil und Eliason dagegen fielen ihrer Schwester mit Tränen in den Augen um den Hals.

Die Königin schritt anmutig zu den beiden tapferen Burschen, reichte ihnen die Hand und ermunterte sie, wieder aufzustehen. Also wagte Roland endlich wieder, den Kopf zu heben und blickte ihr in die blauen Augen, die so tief und klar wie der Marihanen Graben zu sein schienen. Vom Gang her waren Schritte zu hören und Roland wurde sichtlich nervös. Es gab auch keinen Ausweg, sie saßen hier in der Falle.

Plötzlich stand der Marschall höchst persönlich in der Türe mit einem breiten Lächeln im Gesicht und dem vermeintlichem Triumph in den Augen. Doch als er bemerkte, dass Roland und Normaries auf Seite der Gefangenen waren, erstarrte sein Blick.

Eliason trat den Mann mit dem Fuß in den Bauch, so dass jener in sich zusammen sackte. Sein Gesicht wurde aschfahl und er rang nach Atem. Roland und Normaries eilten mit der Königin und den beiden Prinzen durch die offen stehende Türe hinaus. Sie liefen die Gänge entlang bis sie endlich zu dem großen, gläsernen Eingangstor kamen, wo die beiden Wachmänner noch immer Wache hielten.

Zuerst stürmte Roland hinaus und ihm folgten die beiden Prinzen mit der Königin und zuletzt Normaries, der die anderen von hinten schützen wollte.
Die Wachen hatten Normaries im letzten Moment - beim Sprung in den Fluggleiter getroffen. Eine breite Wunde zog sich über seinen Rücken. Roland und die Königin kümmerten sich um Normaries, während Eliason das Steuer des Fluggleiters übernahm - auch er musste schon sehr früh lernen, wie man diese Maschinen lenkte.

Normaries lag in den Armen der Königin. Schwach sagte er: "Solange die Königin in Sicherheit ist, gibt es Hoffnung für die Zukunft. Ich weiß, dass ich nicht um sonst sterben werde. - Schützt die Königin und rettet die Welt!" Das waren seine letzten Worte - dann regierte Stille. Normaries Augen waren weit aufgerissen. Die Königin schloss ihm die Augen. Danach küsste sie ihn auf die Stirne und flüsterte unhörbar für alle anderen: "Danke!"

Um kein Risiko einzugehen, flog Eliason einen großen Bogen um das Schlachtfeld. Noch hatten sie nicht bemerkt, dass ihnen ein feindliches Fluggerät gefolgt war. Erst als ihre Maschine beinahe von irgend etwas getroffen wurde, bemerkte Eliason erstmals dass Verfolger sich ihnen gefährlich näherten.

Er versuchte sie abzuschütteln. - Ohne Vorwarnung stieß Eliason vom Himmel herab in eine der Schluchten. Die größeren Maschinen ihrer Feinde gaben nach einiger Zeit die Suche nach ihnen auf. Es war ihnen zu gefährlich, die kleine wendige Maschine in der Schlucht zu verfolgen - dort hatten die feindlichen Flieger gegen Eliasons Maschine keine Chance.

Nun dauerte es auch nicht mehr lange, bis vor ihnen der Eingang zu den unterirdischen Tunneln des Rebellenvolkes lag. Eliason landete elegant, und sie alle stiegen aus dem Gleiter.
Roland trug zusammen mit Jawil Normaries Leichnam in die unterirdischen Höhlen.

Zusammen bestatteten sie den tapferen Soldaten, der sein Leben für etwas gegeben hatte, das für viele Menschen Hoffnung bedeutete. Roland blieb alleine zurück, während die Prinzen und die Königin die Halle verließen. Dem Knaben stiegen die Tränen in die Augen. Obwohl er diesen Jungen nur kurz gekannt hatte, war er für ihn ein besonderer Mensch gewesen. Normaries hatte es nichts ausgemacht, dass er sein Leben für den Glauben an eine bessere Zukunft gegeben hatte. Vor der Türe wartete Yvette auf Roland. Er starrte zu Boden, denn er wollte ihr nicht ins Gesicht sehen. Doch die Königin brauchte Im nicht in die Augen zu schauen, um zu wissen, was in ihm vorging. Ohne ein einziges Wort zu sagen, führte sie ihn in die Halle, welche zuvor noch versiegelt gewesen war.

Mit betrübter Stimme sprach sie: "Du hast deine Mission erfüllt und ich will dich nun wieder zu den deinen zurückschicken." "Aber ich sollte doch die Zepter der Zeiten finden, damit ich wieder nach Hause zurückkehren kann," erwiderte Roland verwirrt. "Ach, ja - sieh doch tief in dein Herz hinein. Du hast sie schon gefunden, auch wenn du diese Macht nicht sehen kannst. Ich will dir erklären, was es mit den Zeptern für eine Bewandtnis hat:
Die Erinnerung und Erfahrung deiner Vergangenheit sind das erste Zepter. Die Liebe und Treue der Gegenwart stellen das zweite dar. Der Glauben und die Hoffnung an die Zukunft bilden das dritte. Sie sind die drei Zepter der Zeiten. Trag diese Erkenntnis im Herzen und sie wird dir helfen."

Mit diesen Worten streifte sie die Kette, welche um ihren Hals hing ab und gab sie Roland in die Hand. Sie war aus purem Gold gefertigt und in dem Anhänger waren vier winzige Steine eingearbeitet, auf denen die Namen: Yvette, Jawil, Eliason und Normaries eingraviert waren. Das Mädchen beugte sich herab und küsste ihn zart auf die Stirne. Roland war es, als wäre sie nicht von dieser Welt.

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