Fettnapf-Inferno auf dem Küchentisch

26. September 2006, 11:30
5 Postings

Am 28. Mai war Weltspieletag. Grund genug, sich umzusehen bei der Konkurrenz von Poker, Bridge, Uno und Schwarzer Peter. Kartenspiele im Test

Was waren das für Zeiten, als man sich Anfang der Achtzigerjahre trampender Weise in schummrigen Bars in Frankreich herumtrieb und alte Herren mit doppeldeutschen Spielkarten und dem damit gespielten Bauernschnapsen verwirrte! Was zurzeit an wilden Kartenspielen erhältlich ist, würde die Franzosen im Sportcafé aber nicht minder aus dem Häuschen bringen.

Sämtliche hier beschriebenen Spiele sind nicht älter als zwei Jahre und damit wahre Neulinge unter den Kartenspielen - zum Vergleich: Bauernschnapsen und Skat werden seit gut 200 Jahren gespielt, die Wurzeln von Poker und Bridge reichen 400 Jahre zurück. Das älteste bekannte Schwarzer-Peter-Spiel wiederum stammt "erst" aus der Zeit um 1830, doch das Prinzip dieses Spiels ist immer noch Grundlage für viele neue Kartenspiele: Wer am Schluss die meisten Karten in der Hand hält, hat verloren - allein bei vier der getesteten Kartenspiele geht es um diese Grundregel.

Die Kriterien

Eine Gruppe unverbesserlicher Spieler trat an, um die Neuheiten auf dem Kartenspiel-Sektor zu testen und ihre Favoriten zu küren. Spiele, die sehr weit weg vom eingangs erwähnten Schnapsen sind und doch astrein das bieten, was man sich von einem guten Kartenspiel erwartet: Spaß und Spannung, Emotion und Kommunikation.

Bewertet wurden die Aufmachung und Spielanleitung, der Spaß- und Spannungsfaktor sowie der "Suchtfaktor", sprich: ob das Spiel auch mehrere Runden lang spannend bleibt. Das blieben alle getesteten Spiele - hier die besten sieben.

-->Zu den Bewertungen


Die Favoriten

"Einer ist immer der Esel"
von Phalanx Games
(3 bis 12 Spieler, ab 8 Jahre, 8,99 €)

Die kindliche Aufmachung brachte diesem Spiel nicht viele Punkte ein, auch die Beschreibung ließ einige Fragen offen. Nach der ersten Runde aber waren die Juroren hin und weg von diesem Testkandidaten. "Man muss es einmal gespielt haben, um zu durchschauen, wie das geht", meinte eine begeisterte Testerin, die gar nicht mehr aufhören konnte: Erst kurz nach drei Uhr morgens trennte sie sich von den Karten - um wenige Stunden Schlaf später wieder damit anzufangen. Ziel des Spieles ist es, als Erste(r) alle Karten abgelegt zu haben. Was nicht besonders schwierig klingt, wäre da nicht der Esel . . . Für Spaß und Spannung erhielt "Einer ist immer der Esel" von allen Testern die maximale Punkteanzahl; insgesamt ergab das Platz 1 mit 9 Punkten

"Fettnapf" von Amigo
(2 bis 5 Spieler, ab 7 Jahre, 6,99 €)

Bei "Fettnapf" ist ein gewisses Merkvermögen gefragt. Auch hier gilt es, seine Karten loszuwerden, erreichen jedoch die abgelegten Karten einen Wert, den ein Mitspieler in der Hand hält, bekommt man eine Fettnapfkarte. Und ab vier Fettnäpfen ist das Spiel vorbei. Die sehr einfach gehaltene Spielanleitung wurde hoch gelobt, in der kleinen, unscheinbaren Schachtel befindet sich ein Spiel, "das ich wahrscheinlich nicht kaufen würde, weil es so unspektakulär aussieht", erklärte ein Spieler. "Das gegenseitige Belauern, wer den Fettnapf nehmen muss, macht unheimlich Spaß", befanden die Tester einstimmig, außerdem könne man auch bei diesem Spiel einfach nicht mehr aufhören. 8 Punkten

"Globetrotter" von Ravensburger
(beliebige Spieleranzahl, ab 12 Jahre, 12,99 €)

Dieses Spiel kommt aus der "Think!"-Reihe von Ravensburger. Hinter dem klaren Design verbirgt sich ein spannendes Kartenspiel, das "Mentaltraining" verspricht, was die Spieler vorerst etwas abschreckte. "Wieso kann man es nicht einfach ein Spiel sein lassen?" fragte ein Tester verzweifelt. Die Skepsis war aber bald vergessen. Worum geht's? Jeder Spieler erhält Karten, die sich voneinander in verschiedenen Punkten unterscheiden. Es gilt nun, seine Karten loszuwerden, wobei aber immer nur Karten abgelegt werden dürfen, die sich von der vorhergehenden in nur einem Detail unterscheiden. Da es zusätzlich noch auf die Geschwindigkeit ankommt, ist der Trubel am Spieltisch kaum zu bändigen. Absoluter Pluspunkt sind nach Meinung aller Mitspielenden die verschiedenen Levels, fad wird dieses Spiel also auch nach vielen, vielen Durchgängen nicht. Beschreibung, Design und Kartenqualität erhielten ebenfalls großes Lob - gesamt 8 Punkte

--> Weitere Ergebnisse

"Inferno" von Piatnik
(3 bis 7 Spieler, ab 8 Jahre, 8,99 €)

Zählte bei diesem Test nur der Spaß-und Spannungsfaktor, dann hätte "Inferno" zusammen mit dem Eselspiel gewonnen. Nach mehreren Durchgängen war es fast unmöglich, die völlig außer Rand und Band geratene Runde noch zu einem anderen Spiel zu überreden. "Inferno" fesselt. Dabei ist es ein simples Spiel, bei dem es einfach darum geht, Karten abzulegen, die nach Zahl oder Farbe zur vorhergehenden Karte passen. Das Problem sind nur die vielen kleinen "Teufelkarten", die zwischendurch abgelegt werden und entsetzlich viele Minuspunkte bringen, wenn man einmal nicht mehr zugeben kann. Das führte zu viel Gekreische unter den weniger nervenstarken Spielern. Wegen der etwas kindlichen Aufmachung kam "Inferno" auf 7 Punkte

"Super Salto 5" von Parker
(2 bis 5 Spieler, ab 8 Jahre, 9,99 €)

Durch geschicktes Ablegen von Karten auf Stapeln gilt es, die Zahl 21 zu erreichen und damit ein Leben zu gewinnen. Zum Unglück der Mitspieler erwischen aber die Glückspilze grüne "Störerkarten" und können somit Leben und Karten stehlen und auch sonst allerlei Unfug treiben. "Ich fürchte um mein Leben", rief eine in Bedrängnis geratene Testerin überzeugend panisch. "Super Salto" wurde aufgrund der bunten, sehr auf Kinder zugeschnittenen Verpackung kritisch beäugt, nach den ersten zwei Runden freundete sich das Team aber mit dem flotten Kartenspiel an und vergab gesamt 7 Punkte

"Schnelldenker" von Amigo
(3 bis 6 Spieler, ab 12 Jahre, 13,99 €)

Diese Mischung aus Wissens- und Reaktionsspiel sorgte für geteilte Meinungen am Tisch - besonders bei jenen, die immer zu langsam sind, obwohl sie die richtige Antwort gewusst hätten. Die Reaktionsschnellen aus dem Team waren begeistert, vor allem von der Spielgeschwindigkeit. "Dieses Spiel hat wirklich einen ,drive'", seufzte der spätere Sieger beglückt. "Würde man von außen gar nicht vermuten, dass das Spiel so lustig ist", meinte eine Testerin. Kleiner Nachteil dieses Kandidaten: Wie bei allen Fragespielen kennt man bei oftmaligem Spielen alle Fragen - und dann kommt es nur noch auf die Geschwindigkeit an. 6 Punkte

"Frauen und Männer" von Kosmos
(3 bis 8 Spieler, ab 16 Jahre, 22,99 €)

Ganz klar ein Spiel für Erwachsene - und laut Verpackung, die übrigens allen Mitspielenden "viel zu klischeehaft" war, ab 16 Jahren geeignet. Aber um Klischees geht es ja auch: Es gilt niederzuschreiben, was man zu gewissen Männer/Frauen-Fragen denkt. Dazu enthält das Spiel Karten mit ungefähr 600 Fragen wie: Was können Männer besser als Frauen? Oder: Welche fünf Verhaltensweisen sind die Top-5-Trennungsgründe? "Zum Teil ganz schön böse Fragen", meinte ein Mitspieler, der an diesem Abend der einzige Mann war. Er überlebte unbeschadet - trotz der Tatsache, dass das Spiel doch zu einer etwas emotionsgeladenen Stimmung führte. Diese wiederum führte zum Punkteverlust, denn "das ist nix für einen harmlos-lustigen Abend und mit Vorsicht zu genießen", urteilten die beteiligten Paare. Übrigens: Stinkesocken vor der Badezimmertür zählen NICHT zu den Top-5-Trennungsgründen. 5 Punkte

** Der "World Play Day" wurde 1999 auf der
8. Konferenz der "International Toy Library
Association" in Tokio ins Leben gerufen
und 2000 von der UNO offiziell anerkannt.
Wir bedanken uns herzlich bei der Spiel-
zeugschachtel Salzburg, Schrannen-
gasse 16. Nach unserer Recherche
ist dies das einzige Spielzeuggeschäft
in Österreich, in dem man die Spiele
vorab auch durchspielen darf.
 
(DER STANDARD, Printausgabe vom 27./28.5.2006) 

Von
Romana Hasenöhrl

Jeder Artikel spiegelt die ganz persönlichen Erfahrungen der AutorInnen wider.
  • Artikelbild
    foto: schatz
Share if you care.