Viele Wörter für eine Wand

6. Juni 2000, 14:04

Ein Drittel der Wiener Pflichtschüler ist zweisprachig.

Wien - "Zid, Wand, duvar", steht auf dem selbst gebastelten Schild in der 1b-Klasse der Volksschule Rötzergasse. "Wand" auf Türkisch, Deutsch und Serbokroatisch. 25 Kinder werden von Elisabeth Maitzen und der Begleitlehrerin Tanja Semrau betreut: sechs türkische, ein polnisches, ein indisches, ein arabisches, ein österreichisches. Die restlichen Kinder stammen aus dem ehemaligen Jugoslawien.

Babylonische Sprachverwirrung herrscht in dem hellen, freundlich geschmückten Klassenzimmer trotzdem nicht. Konzentriert malen und schreiben die Kinder, miteinander sprechen sie Deutsch. "Schwierig ist es nur mit so genannten Seiteneinsteigern, die gar keine Deutschkenntnisse haben", erklärt Klassenlehrerin Maitzen. "Die meisten sind aber schon hier in den Kindergarten gegangen und sprechen gut Deutsch."

"Kinder aus 16 verschiedenen Nationen besuchen unsere neun Volksschulklassen", erklärt Direktorin Evelyne Bruha. Mit rund 80 Prozent Ausländeranteil und mit 69 Prozent "außerordentlichen Schülern" im ersten Jahrgang - das sind Kinder, die aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse vorerst nicht beurteilt werden - ist die Rötzergasse diesbezüglicher "Spitzenreiter" in Wien. Und wird, so Stadtschulratspräsident Kurt Scholz, auf Flugblättern zu Unrecht immer wieder als Negativbeispiel ins Spiel gebracht. Für ihn steckt eine "perfide Absicht hinter dieser Scheininformation". Denn die ausländische Staatsbürgerschaft sei mit mangelnder Kenntnis der deutschen Sprache nicht einfach gleichzusetzen. Und für Kinder mit Sprachproblemen stünden Begleitlehrerinnen sowie extra Pädagoginnen für den muttersprachlichen Unterricht bereit.

Ein Drittel bilingual

"Von den derzeit 100.000 Pflichtschülern- und Schülerinnen wächst etwa ein Drittel bilingual auf", erläutert Landesschulinspektor Walter Weidinger eine Erhebung des Wiener Stadtschulrates. Knapp 25 Prozent der Pflichtschüler stammen aus Familien, die aus dem ehemaligen Jugoslawien und der Türkei zugewandert sind. Rund neun Prozent kommen aus EU-Ländern, Russland, den USA, Israel und Japan.

Entscheidend, so betont auch Weidinger, sei aber nicht die Staatszugehörigkeit. Denn obwohl 24 Prozent der Pflichtschüler eine ausländische Staatszugehörigkeit haben, haben nur knappe zehn Prozent gravierende Sprachprobleme. Immerhin 80 Prozent dieser Schulneulinge mit Sprachproblemen verzeichneten nach einem Jahr derartige Lernerfolge, dass sie dem Unterricht folgen könnten. 41 Prozent der Migrantenkinder seien in der Volksschule so erfolgreich, dass sie in eine allgemein bildende höhere Schule wechseln könnten.

Dies sei vor allem auf die Begleitlehrerinnen, die sich um zweisprachige Kinder kümmern, zurückzuführen. Von insgesamt 10.000 Wiener Pflichtschullehrern sind derzeit etwa 900 für diese besonderen Fördermaßnahmen im Einsatz. (tapa)

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