Die Prinzenjahre des Königs

20. Mai 2006, 17:00
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Peter Guralnick erzählt die frühen Jahre Elvis Presleys - ohne Pathos

Wie jeder, den ich kannte, war ich unsicher, wie ich auf Rock'n'Roll reagieren sollte. Ich war zwölf, als Elvis seine ersten Erfolge hatte, und er selbst war nicht viel älter. Diese Aufregung, der Aspekt des Neuen, war etwas, das unumkehrbar erschien. ,Hail, hail Rock'n'Roll / Deliver us from the days of old.' . . . Er öffnete uns die Tür zu einer Kultur, von deren Existenz wir bislang nichts wussten. Er funktionierte als Vehikel einer vagen, proletarischen Sehnsucht. . . . Und das Großartige daran: Zumindest zu Beginn schien niemand Kontrolle über dieses Phänomen zu haben." So Peter Guralnick in seinem Buch Feel Like Going Home - Portraits in Blues and Rock'n'Roll über diese Musik und seine ultimative Personifizierung - Elvis Presley.

Seine Faszination für Popmusik sollte Peter Guralnick nicht nur nie verlieren, er gibt sie bis heute unverdünnt an seine Leser weiter. Neben seinem Landsmann Nick Tosches gilt er als der Musikerbiograf, als einer der profundesten Musikkenner und -journalisten der Welt. Bücher wie Sweet Soul Music - Rhythm and Blues and The Southern Dream Of Freedom, seine Annäherung an den Blues des Robert Johnson in Searching for Robert Johnson oder Lost Highway: Journeys and Arrivals of American Musicians gelten als Standardwerke und landeten in den USA mit großer Vorhersehbarkeit in den Bestsellerlisten.

Seine bislang erfolgreichste Biografie war das 1995 erschienene Last Train To Memphis, das die Geschichte von Elvis Presley von 1935 bis 1958 nachzeichnet und das nun erstmals in deutscher Übersetzung vorliegt. Gemeinsam mit der 1999 erschienenen Fortsetzung Careless Love: The Unmaking Of Elvis Presley gilt es als die definitive Presley-Biografie - auch wenn Guralnick sich in aller Bescheidenheit dagegen verwehrt, vieles lediglich als Deutung gelesen haben will.

Die Systematik des 1943 in Boston geborenen Autors ist stets dieselbe. Guralnick interviewt oft jahrelang etliche in das Leben seines Sujets involvierte Personen und Zeitzeugen und entwickelt anschließend aus diesem riesigen Recherchepool seine von enormen, aber nie erdrückenden Detailwissen geprägten Biografien, von denen viele der Befragten sagen: So ist es gewesen.

Last Train To Memphis infiziert von der ersten Seite an. Es offenbart sich ein Werk, dessen - hinlänglich bekannte - Geschichte als epischer Wurf ebenso fasziniert wie mit den vielen Abzweigungen in die Hinterhöfe von Elvis' Geburtsstadt Tupelo oder seinem Leben "on the road" zur Zeit seines Aufstiegs. Überzeugt, dass das alles Elvis ausgemacht hat, lässt sich Guralnick an keiner Stelle davon abbringen. Alles ist wichtig: die kleinen Träume, die großen Enttäuschungen - und dieser für alle Beteiligten verwirrende Aufstieg des bleichen Jungen zum nationalen, später internationalen Superstar - ohne verklärtes Pathos, ohne Hollywood-Schmalz.

Guralnick beendet diesen ersten Teil mit dem Tod von Elvis' Mutter. Bis dahin ist man 550 Seiten lang in ein Leben versunken, das, gemessen an seinen Auswirkungen, als klein zu beschreiben ist.

Wenn Mitglieder aus Elvis' frühen Bands jedoch beschreiben, dass sie bei manchen Auftritten ihre eigene Musik nicht mehr hören konnten, weil die Fans so kreischten, weiß man wieder, worum es damals ging: Revolution - und Peter Guralnick ist ihr genialer Chronist. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 20./21.5.2006)

Von Karl Fluch
  • Peter Guralnick, "Last Train To Memphis. Elvis Presley. Sein Aufstieg 1935-1958". Deutsch von Michael Widemann. € 25,60/ 646 Seiten. Bosworth Edition, Berlin.
    buchcover: bosworth edition

    Peter Guralnick, "Last Train To Memphis. Elvis Presley. Sein Aufstieg 1935-1958". Deutsch von Michael Widemann. € 25,60/ 646 Seiten. Bosworth Edition, Berlin.

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