Besorgnis über Inflationsrisiko wächst

6. Juni 2006, 09:01
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Nationalbank-Chef: Bisher kaum Zweitrundeneffekte - EZB fordert mehr Strukturreformen

Brüssel - Die Europäische Zentralbank (EZB) sieht weiter ein erheblichen Inflationsrisiko im Euroraum, auch wenn die gestiegenen Ölpreise bisher kaum auf die Verbraucherpreise durchschlagen. "Bisher haben sich noch keine ernsthaften Zweitrundeneffekte der vergangenen Ölpreisanstiege eingestellt, dank der ziemlich moderaten Lohnanstiege. Wir sind aber noch immer besorgt wegen des erheblichen Aufwärtsrisikos im Inflationsausblick", sagte der Gouverneur der Oesterreichischen Nationalbank (OeNB) und Mitglied im EZB-Rat, Klaus Liebscher, am Freitag bei einem Vortrag in Brüssel.

Liebscher betonte, die EZB sehe derzeit Zeichen für eine Verstärkung und Verbreiterung der wirtschaftlichen Wachstumsdynamik. Gleichzeitig gebe es zunehmend Anzeichen, dass die Wirtschaft in der Eurozone schrittweise das Wachstumspotenzial erreiche - also zwei Prozent.

Frühindikatoren

Die gestiegene private Kreditvergabe seit 2004 sei ein früher Indikator des jetzigen Aufschwungs gewesen. Sie könnte gleichzeitig aber auf finanzielle Ungleichgewichte und mögliche Preisblasen in den Anlagemärkten hinweisen, worauf auch die kräftig gestiegenen Immobilienpreise in einigen Ländern hindeuten würden. Diese Überlegung beziehe die EZB bei ihrer Bewertung der Preisstabilität mit ein.

Eine umsichtige Geldpolitik in der Eurozone müsse aber von einer soliden Budgetpolitik und ambitionierten Strukturreformen mitgetragen werden. Liebscher bezeichnete in diesem Zusammenhang die Reform des Wachstums- und Stabilitätspakts "um mehr kurzfristige Flexibilität zu geben zum Preis von Nachhaltigkeit und Glaubwürdigkeit" als "bedenklich". Eine strikte Anwendung der Regeln sei angesichts des guten wirtschaftlichen Umfeldes "wichtiger denn je".

Kritik an Umsetzung der Lissabon-Strategie

Nachholbedarf ortet Liebscher auch bei den Strukturreformen. Die Produktivität in Kontinentaleuropa würde um 1,1 Prozent in zehn Jahren steigen, wenn das generelle Regulierungsniveau an das der liberalsten OECD-Staaten angepasst würde. Die EZB ist laut Liebscher auch "nicht zufrieden" mit der derzeitigen Umsetzung der Lissabon Strategie. Vor allem die größeren Länder müssten noch lernen, dass die Verschiebung der notwendigen Reformen kurzsichtig sei. Lob zollte der Notenbankgouverneur dem österreichischen EU-Ratsvorsitz für die Fortschritte bei der Dienstleistungsrichtlinie. Die Liberalisierung des Dienstleistungsmarktes werde das Produktitätswachstum steigern und Beschäftigung schaffen sowie gleichzeitig Preise senken und den Wettbewerb ankurbeln.

Eine Ausweitung der Eurozone auf die neuen Mitgliedstaaten, sobald sie die Bedingungen erfüllen, werde ein Erfolg für alle Beteiligten werden, ähnlich wie die EU-Erweiterung. "Geschwindigkeit darf aber die Qualität nicht gefährden", betonte Liebscher. (APA)

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