Väter der Moderne

25. Mai 2006, 03:00
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Die Pet Shop Boys Neil Tennant und Chris Lowe über ihr Album "Fundamental", Cherie Blair, Berlusconi und Discomusik

Neil Tennant und Chris Lowe von den britischen Pet Shop Boys präsentieren dieser Tage ihr neues Album "Fundamental". Im Interview mit dem STANDARD erläutern sie ihre Sicht auf Cherie Blair, Silvio Berlusconi und überproduzierte Discomusik.


Köln - Sie sind die Grandseigneurs des Dance-Pop - hintergründig, abgeklärt und mit Mut zum Filigranbombast. Seit Neil Tennant (51) Anfang der 80er-Jahre seinen Job als Musikredakteur aufgegeben hatte, um zusammen mit Chris Lowe (46) sein Heil in der Praxis zu suchen, etablierten sich die Pet Shop Boys binnen kürzester Zeit als Hit-Garanten von seltener stilistischer Brillanz. Wobei es zuletzt etwas ruhiger um die Herren geworden ist.

Vier Jahre nach "Release", ihrem bis dato letzten und fast schon gitarrenlastigen Album, besinnen sich die beiden Briten mit Fundamental nun wieder auf ihre Qualitäten als Schöpfer betörender Dancefloor-Hymnen. Produziert wurde das Album übrigens vom legendären Trevor Horn, der bereits in den 80er-Jahren Songs wie "Left To My Own Devices" und "It's Alright" mit den Pet Shop Boys erarbeitete. Und politisch ist das Ganze auch noch geworden. DER STANDARD fragte Neil Tennant und Chris Lowe.


STANDARD: Mr. Tennant, Mr. Lowe, als bekannt wurde, dass Sie bei diesem Album wieder auf die Dienste von Trevor Horn (Frankie Goes To Hollywood, Grace Jones, Art Of Noise ...) zurückgreifen würden, war fast zu befürchten, dass die Songs überproduziert klingen könnten.

Neil Tennant: Ach, wir lieben es, wenn unsere Musik überproduziert klingt und "üppig" daherkommt. Das ist kein Problem für uns! Bei uns darf es richtig gewaltig klingen. Es ist dann entgegen aller Erwartungen aber doch nicht passiert.

Chris Lowe: Stimmt, es gibt keine überbordende Produktion. Alles diente dazu, die Songs bestmöglich rüberzubringen. Es gibt nichts Exzessives. Komisch eigentlich, aber was sollen wir machen?!

STANDARD: Eingedenk des großen Egos, das man sowohl Ihnen beiden als auch Trevor Horn nachsagt, wären doch wenigstens ein paar exzessive Auseinandersetzungen drin gewesen.

Neil Tennant: Wieso glaubt denn jeder, dass wir ein Super-Ego haben? Ich denke, dass wir drei viel mehr ein Manko in Bezug aufs Ego haben. Wir haben ja schon früher mit Trevor zusammengearbeitet. Und es ist äußerst entspannt mit ihm. Trevor mag es, mit guten Musikern und "richtigen" Instrumenten zu arbeiten. Wir mussten ihn also bloß immer daran erinnern, dass wir letztlich eine elektronische Band sind.

Chris Lowe: Wenn uns eine Idee von ihm nicht gefallen hat, dann hat er sie sofort vom Masterband gelöscht. Andere Produzenten würden das nicht tun. Die würden spätestens beim Mischen ihre kleine Idee wieder rausholen und sie dann doch irgendwie unterbringen.

Neil Tennant: Er ist ein wirklicher Produzent. Von denen gibt es nicht allzu viele. Wir hätten das Album auch allein produzieren können. Aber Trevor erreicht immer einen exzellenten Sound. Er erkennt die Ideen der Musiker und holt schließlich das Beste heraus. Er versteht das Potenzial, das in jedem Song steckt, und fördert es zutage.

STANDARD: Wie würden Sie das Potenzial eines Songs wie "I'm With Stupid" beschreiben?

Neil Tennant: Pate für diesen Song stand die Freundschaft zwischen Bush und Blair. Als Bush Präsident wurde, hat Blair sich ihm sofort auf eine Weise angedient, dass sich viele Leute fragten: Warum gibt er sich mit so einem Schwachsinnigen ab? Ich habe das dann in eine Liebesgeschichte umgewandelt: Warum gebe ich mich mit jemandem ab, der offensichtlich blöd ist? In der Mitte des Songs taucht dann aber die Frage auf: Ist dumm wirklich dumm - oder ist es nur eine andere Art, smart zu sein? Verschleiert die Dummheit einfach nur eine grandiose Cleverness? In Amerika ist es gar nicht so unüblich, die eigene Cleverness hinter einer genialen Dümmlichkeit zu verschleiern.

STANDARD: Moment, George W. Bush verschleiert Cleverness?

Neil Tennant: Nein. Der ist wirklich flach. Das scheint Tony Blair aber egal zu sein. Weltpolitik. Ein weites Feld. Blair hat sich Bush angedient, um dieser berüchtigten speziellen Bindung zwischen Großbritannien und Amerika zu entsprechen.

Chris Lowe: Aber was ist mit der engen Verbindung zwischen Blair und Berlusconi? Die versteht auch kein Mensch.

Neil Tennant: In politischer Hinsicht macht das schon Sinn. Berlusconi ist ein fürchterlicher rechtsgerichteter Gangster. Dagegen wirkt Bush regelrecht "sophisticated". Ich kann nicht glauben, dass Cherie Blair, Tony Blairs Frau, nicht der Horror befällt, wenn sie an Berlusconis Frau denkt. Cherie Blair ist eine engagierte Anwältin für Menschenrechte. Und ich kann nicht glauben, dass sie Berlusconi nicht verachtet. Aber Blair war eben an Berlusconi gebunden.

Chris Lowe: Deshalb muss er noch lange nicht mit ihm zusammen in Urlaub fahren.

Neil Tennant: Andererseits muss man sagen, dass Blairs Innenpolitik durchaus erfolgreich war, nicht nur in Bezug auf die Armut, besonders die Kinderarmut, sondern auch was die Gesundheitspolitik oder die Gleichberechtigung von Minderheiten angeht.

STANDARD: Aber?

Neil Tennant: Aber sein Engagement im Irak-Krieg hat dies alles leider überschattet. Wohl auch, weil sich dieses Engagement mittlerweile beim besten Willen nicht mehr als Kampf gegen den Terror verkaufen lässt. Es ist fast alles nicht fassbar, nicht logisch. Ich habe begriffen, dass die Logik in menschlichen Beziehungen keine Rolle spielt. Denn wenn man logisch dächte, müsste man erkennen, dass in unserer Gesellschaft ein Autounfall der schnellste Weg ist, sein Leben zu verlieren. Warum verbannen wir dann nicht die Autos? Aber der Kampf gegen den Terror sorgt eben immer für großen Wirbel. Und er verkauft Zeitungen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2006)

Von Uli Karg
  • Chris Lowe und Neil Tennant (Pet Shop Boys): die Beziehung von Bush und Blair als Dancefloor-Geschichte.Zur Person Der ehemalige Londoner 
Musikjournalist Neil Tennant und der Architekturstudent Chris Lowe 
gründeten 1983 die Pet 
Shop Boys als eine der 
mit weltweit 50 Millionen 
verkauften Tonträgern 
erfolgreichsten Bands der 80er-Jahre. Mit Hits wie "West End 
Girls", "It's A Sin" oder "Go 
West" und einer Mischung aus 
melancholisch abgeklärtem 
Gesang und Euro-Disco-Rhythmen sorgt das bekennend 
homosexuelle Duo auch dank 
Kollaborationen mit Diven wie 
Liza Minnelli oder Dusty 
Springfield oder dem Musical 
"Closer To Heaven" aus 2001 
seit einem Vierteljahrhundert 
dafür, dass nicht nur ein klassisches Hitparadenpublikum regelmäßig zu ihren Produkten 
greift. Die forsche musikalische 
Gangart und mild zynischen 
Alltagsbeobachtungen und Reflexionen Neil Tennants können seit ersten Alben wie "Please" und "Actually" auch anspruchsvollere Musikhörer begeistern. Zuletzt arbeiteten die 
Pet Shop Boys 2004 zusammen 
mit den Dresdner Sinfonikern 
an der Neusichtung der Filmmusik zu Sergej Eisensteins 
Stummfilmklassiker "Panzerkreuzer Potemkin" aus 1925.
    foto: emi

    Chris Lowe und Neil Tennant (Pet Shop Boys): die Beziehung von Bush und Blair als Dancefloor-Geschichte.

    Zur Person

    Der ehemalige Londoner Musikjournalist Neil Tennant und der Architekturstudent Chris Lowe gründeten 1983 die Pet Shop Boys als eine der mit weltweit 50 Millionen verkauften Tonträgern erfolgreichsten Bands der 80er-Jahre. Mit Hits wie "West End Girls", "It's A Sin" oder "Go West" und einer Mischung aus melancholisch abgeklärtem Gesang und Euro-Disco-Rhythmen sorgt das bekennend homosexuelle Duo auch dank Kollaborationen mit Diven wie Liza Minnelli oder Dusty Springfield oder dem Musical "Closer To Heaven" aus 2001 seit einem Vierteljahrhundert dafür, dass nicht nur ein klassisches Hitparadenpublikum regelmäßig zu ihren Produkten greift. Die forsche musikalische Gangart und mild zynischen Alltagsbeobachtungen und Reflexionen Neil Tennants können seit ersten Alben wie "Please" und "Actually" auch anspruchsvollere Musikhörer begeistern. Zuletzt arbeiteten die Pet Shop Boys 2004 zusammen mit den Dresdner Sinfonikern an der Neusichtung der Filmmusik zu Sergej Eisensteins Stummfilmklassiker "Panzerkreuzer Potemkin" aus 1925.

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