"Schlechte Zeit für Verkauf"

7. Juni 2006, 09:56
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Der neue ÖGB-Finanz- chef muss die Bawag "im schlechtesten Moment verkaufen" und kann Kündigungen im Gewerkschaftsbund im STANDARD-Interview nicht ausschließen

Standard: Der ÖGB muss am Dienstag zu den Notenbankern pilgern, um seine Bücher zu öffnen. Wie blank ist der ÖGB?

Schneider: Die Herrschaften kommen zu uns. Und ich muss Sie enttäuschen, in der heutigen Situation ist die Vermögenslage des ÖGB nicht darzustellen. Wir müssen auf die Bilanz der Bawag warten.

Standard: Die Bawag weist 100.000 Euro Gewinn aus.

Schneider: Da wissen Sie mehr als ich. Wir brauchen auch noch die Bilanz der Anteilsverwaltung Bawag, AVB - erst dann können wir bilanzieren. Ich will nicht herumspekulieren, wie gut oder schlecht der ÖGB dasteht, in drei, vier Wochen haben wir Klarheit.

Standard: Dass der ÖGB ziemlich abgebrannt ist, steht doch jetzt schon fest.

Schneider: Eines kann ich sagen: Eine schöne Bilanz wird es nicht werden.

Standard: Wie groß ist die Lücke zwischen Einnahmen und Aufwendungen?

Schneider: Die Finanzierung des ÖGB war zu einem großen Teil auf der Dividende der Bawag aufgebaut, 2004 hatten wir 70 Millionen Sonderdividende bekommen. Das alles fehlt jetzt natürlich.

Standard: Werden Sie ÖGB- Mitarbeiter kündigen?

Schneider: Wir haben Sparpotenzial gefunden, das uns ermöglichen wird, dass wir mit den Mitgliedsbeiträgen auskommen und Reserven bilden können.

Standard: Schließen Sie Kündigungen aus?

Schneider: Ausschließen kann ich in dieser schwierigen Situation leider gar nichts.

Standard: Der ÖGB haftet mit 120 Millionen für das Casino Jericho. Warum ist diese Bawag-Beteiligung so viel wert?

Schneider: Ich weiß es nicht. Das ist auf Bilanzmaßnahmen zurückzuführen von Leuten, die nicht mehr da sind.

Standard: Sie müssen die Bawag jetzt schnell verkaufen. Sie selbst wollen, dass der ÖGB beteiligt bleibt - warum?

Schneider: Jetzt ist wirklich der denkbar schlechteste Moment, die Bank zu verkaufen. Sie ist extrem abgerutscht, man sollte uns mehr Zeit geben. Ich bin dafür, dass wir einen strategischen Partner holen und in ein, zwei Jahren, über die Börse privatisieren.

Standard: Sie träumen von warmen Eislutschern?

Schneider: Nein, die Bawag hat doch so viel Potenzial! Das Retailbanking ist ihre große Chance - das könnte man mit einem Partner, der stark in Osteuropa ist, ausbauen.

Standard: Klingt, als wären Sie gestern mit Erste-Chef Andreas Treichl essen gewesen.

Schneider: Ich habe mit meiner Frau daheim gegessen. Ich glaube, dass der ÖGB an der Bawag mit bis zu 25 Prozent beteiligt bleiben soll. Die Interessenten, mit denen ich gesprochen habe, würden begrüßen, wenn der ÖGB drin bliebe. Da geht es um Symbolik: So könnte die Bank die Betriebsrat-Geschäfte vorantreiben, von denen lebt sie ja.

Standard: Sollte der ÖGB nach dem Debakel nicht von Symbolik Abstand nehmen?

Schneider: Der ÖGB hat doch von den Machenschaften nichts gewusst, der ÖGB ist nicht eine oder zwei Personen.

Standard: Sie glauben wirklich, dass der ÖGB ein guter Bank-Eigentümer ist?

Schneider: Ein guter Kleinaktionär. Aber wenn jemand 100 Prozent will und der Preis stimmt, haben wir wohl keine andere Wahl.

Standard: Sie waren ab Mitte 2005 die rechte Hand von Ex- ÖGB-Finanzchef Weninger. Was haben Sie gewusst?

Schneider: Nichts. Und: Ich schätze Weninger. Er war überfordert und vollkommen schlecht beraten.

Standard: Wer ist schuld am Bawag-Debakel?

Schneider: Da fand sich eine Gruppe von Leuten, die ein Problem damit hatten, Mein und Dein zu unterscheiden. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.5.2006)

Zur Person

Clemens Schneider, 42, arbeitete für Citibank, Deutsche Bank, BA-CA und den Touristikkonzern Magic-Life. Ab Mitte 2005 war er der engste Mitarbeiter von ÖGB-Finanzchef Günter Weninger. Schneider, Sohn eines CA-Vorstands, ist bis zum ÖGB-Bundeskongress 2007 als Finanzchef bestellt.
  • Clemens Schneider, der neue Finanzchef des ÖGB, träumt noch immer davon, dass der Gewerkschaftsbund ein guter Bankeigentümer sein könnte. Jedenfalls ein guter "Kleinaktionär". Das Bawag-Debakel führt er ursächlich auf Leute zurück, die "Mein und Dein nicht unterscheiden können."
    foto: standard/christian fischer

    Clemens Schneider, der neue Finanzchef des ÖGB, träumt noch immer davon, dass der Gewerkschaftsbund ein guter Bankeigentümer sein könnte. Jedenfalls ein guter "Kleinaktionär". Das Bawag-Debakel führt er ursächlich auf Leute zurück, die "Mein und Dein nicht unterscheiden können."

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