Krankenkassen: Arzneimittelkosten steigen wieder stärker

19. Juli 2006, 16:47
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Hartinger: Zunahme der Ausgaben im ersten Quartal um 8,1 Prozent - Mehr Kosten ohne Chefarzt

Wien - Vergangenes Jahr sind die Ausgaben der sozialen Krankenkassen für Arzneimittel nur um 1,6 Prozent gestiegen. Doch dieses Wellental könnte schon wieder zu Ende sein. Im ersten Quartal 2006 gab es wieder eine Zunahme der Kosten um 8,1 Prozent. Dies erklärte Mittwoch bei einem Medienseminar zum Thema Arzneimittelversorgung in Wien die stellvertretende Generaldirektorin des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger, Beate Hartinger.

"2005 waren es für alle drei 'Boxen' (Klassifizierung der Arzneimittel nach Verschreibungsmodus, Anm.) 1,8 Mrd. Euro (netto, Anm.) an Ausgaben. 81 Prozent der auf Kassenkosten verschriebenen Medikamente entfielen auf die grüne Box (frei verschreibbar, Anm.), 18 Prozent auf die gelbe Box (mit Begründung bzw. nach Bewilligung verschreibbar, Anm.) und der Rest auf die rote Box (nur nach Bewilligung rezeptierbar, Anm.)", sagte Beate Hartinger.

Ganz klar: Die kostenaufwendigeren und zum Teil innovativen Medikamente finden sich in den mit Auflagen versehenen Boxen. "Die durchschnittlichen Kosten einer Verordnung aus der roten Box betrugen 209 Euro, jene aus der gelben Box 114 Euro und im grünen Bereich 16 Euro", sagte die stellvertretende Hauptverbands-Generaldirektorin.

Erst in den vergangenen Tagen hat das Gesundheitsministerium - dafür auch heftig kritisiert - darauf aufmerksam gemacht, dass der Saldo der sozialen Krankenkassen für das Jahr 2005 positiv ausgefallen sei. Dazu hätte auch das "Arzneimittelpaket" an Maßnahmen zur Kostendämpfung beigetragen, hieß es. Immerhin betrug die Ausgabensteigerung bei den Medikamenten im vergangenen Jahr nur 1,6 Prozent.

Doch damit dürfte es schon wieder vorbei sein. Beate Hartinger: "Im ersten Quartal (2006, Anm.) hatten wir eine Kostensteigerung, die uns wieder etwas bedenklich stimmen sollte. Sie liegt ganz aktuell bei 8,1 Prozent." Das werde man genauer analysieren.

Vehement verteidigte die Spitzenfunktionärin des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger das seit vielen Jahren kritisierte System der Chefärzte und von deren Bewilligungen. "Der Chefarzt ist der unabhängige Sachverständige", erklärte sie zu den bei den Krankenkassen angestellten Medizinern.

Bewilligungen im Spannungsfeld zwischen Patienten, Ärzten und Kosten

"Ausreichend", zweckmäßig ("State of the Art") und "das Maß des Notwendigen nicht überschreitend" soll laut den gesetzlichen Bestimmungen das Leistungsangebot der sozialen Krankenkassen in Österreich sein. Die Chefärzte befinden sich damit - so der Leiter des entsprechenden Dienstes der Wiener Gebietskrankenkasse (WGKK), Reinhard Marek - in einem Spannungsfeld zwischen Patienten, Ärzten und Spitälern.

Dass bei den Bewilligungen auch der Kostenaspekt eine wichtige Rolle spielt, bestritt Marek nicht: "Es ist eine Tatsache, dass, wenn eine Chefarztpflicht (für ein Arzneimittel oder eine Arzneimittelgruppe, Anm.) aufgehoben wird, die Kosten in diesem Segment explosionsartig steigen." Dies sei bei den modernen Protonenpumpen-Inhibitoren zur Behandlung von Magengeschwüren genau so geschehen wie bei "Vioxx", einem im Jahr 2004 wegen möglicher Nebenwirkungen vom Markt genommenen Antirheumatikum.

Der WGKK-Chefarzt bestritt, dass die Ansuchen um chefärztliche Bewilligungen durch die Ärzte eine starke Belastung darstellen würden. Pro Woche würde in Wien ein Allgemeinmediziner im Durchschnitt nur 6,4 Bewilligungen einreichen, ein Facharzt nur 1,4 Anträge. Das EDV-unterstützte Bewilligungssystem ABS (per E-Mail), das ab 1. Juli verpflichtend für alle Kassenärzte ist, gewinne derzeit massiv an Anteilen bei den Bewilligungen.

"Wir haben in Wien derzeit nur noch eine durchschnittliche Wartezeit von 18 Minuten", sagte Marek. Dass es bei den chefarztpflichtigen Medikamenten im Wesentlichen um die kostenaufwendigeren geht, zeigt sich auch an folgendem Faktum: In Wien waren im Jahr 2005 vier Prozent der Verschreibungen auf Kassenrezept bewilligungspflichtig. Sie verursachten aber zwölf Prozent der Arzneimittelkosten, so der Chefarzt. (APA)

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