Hymnisches Gewucher

14. Mai 2006, 18:32
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Das zweite Wochenende des Gravity-Festivals brachte die Auftritte von Two Gallants und den Brit-Pop-Göttern The Wedding Present

Vom Publikumszuspruch her eher ein Flop, vom gebotenen Programm jedoch grandios.


Wien - Was der Landwirt nicht kennt, das verzehrt er nicht. Mit diesem leidlich strapazierten Sinnspruch versuchte sich ein Konzertbesucher am vergangenen Samstag die nur halb gefüllte Planet-Music-Halle zu erklären.

Halb zu erklären, denn mit The Wedding Present stand immerhin ein Headliner am Programm, der nicht nur in Großbritannien seit gut 20 Jahren ähnlich euphorisch verehrt wird wie sein größter Förderer, die vor zwei Jahren verstorbene Radiolegende John Peel. Dazu kommt ein Gesamtwerk - inklusive der als Cinerama veröffentlichten Alben -, an dem jeder an Popmusik überdurchschnittlich interessierte Mensch eigentlich nicht vorbei kann. Landwirt oder nicht.

Bitter jedenfalls für die Veranstalter des Gravity-Festivals, die versucht hatten, abseits der üblichen "big names" ein Programm zu bieten, das - so banal das klingen mag - auf Qualität statt auf Quantität setzte. Gut, der Austragungsort dieses auf drei Wochenenden verteilten Festivals, das Planet Music, mit seinen an Ketten befestigten Aschenbechern und den urguten Air-Brush-Künsten an den Wänden, ist natürlich nicht jedermanns Sache.

Trotzdem schade. Immerhin schießt man nicht übers Ziel, wenn man den Shows von Wedding Present, den Two Gallants sowie The Wrens das Prädikat denkwürdig verleiht. Alle drei genannten Formationen bestachen durch emphatische Darbietungen, in denen neben literweise Schweiß auch viel Herzblut geflossen ist.

Neben den Wrens, die das Festival vor zehn Tagen eröffneten und alle Besucher mit leuchtenden Augen und offenen Mündern in die Nacht entließen, überzeugte das Duo Two Gallants an Freitag mit einen irrwitzigen Auftritt.

Die aus San Francisco kommende Band trat lediglich mit Gitarre und Schlagzeug an. Dermaßen schmal instrumentiert, prügelten die beiden einen grimmigen, schneidenden und präzise auf den Punkt gespielten Folk-Punk in den Saal, den kantige Stopps und ruppige Schlagzeugeruptionen prägten. Inhaltlich geben sich die Twens gänzlich unromantisch.

Vielmehr sind sie fasziniert von den dunklen Seiten ihrer Heimat - etwa der Zeit der Sklaverei, in der manche ihrer Sujets angesiedelt sind. Ein Umstand, der ihnen sogar einen dümmlichen Rassismusvorwurf einbrachte, weil sie im Song Long Summer Day das Wort "Nigger" verwendeten. Adam Stevens und Tyson Vogel stehen in der Erzähltradition von Woody Guthrie und Bob Dylan - allein, als Kinder des Punk erscheint ihre Kunst ungleich wütender.

Hymnischer Pop

Seine eigene Tradition hat David Gedge begründet. Mit seiner Band The Wedding Present erfand er in den mittleren 80er-Jahren einen Sound, der von schrammelnden Gitarren dominiert ist, die Gedge mit enormem Nachdruck zu richtigen Wall of Sounds aufbaut. Inmitten dieses wilden Akkordgewuchers offenbaren sich schließlich wunderschöne, nahezu hymnische Popsongs. Zu viert - mit der Freundin am Bass - belegte Gedge nachdrücklich, wie infizierend dieser Sound wirkt. Zumal Gedge immer schon auf eine satte Produktion achtete - auch in den dafür nicht gerade berühmten Achtzigern. Statt einer dünnen Suppe verordnet seit Jahren schon Steve Albini hinterm Mischpult den Platten von Gedge den entsprechenden Sound.

Die Show selbst war ein gepflegtes Best-of-Programm, in dem einige Hits gefehlt haben - der Mann hat einfach zu viele. Groß war etwa die Darbietung des Stücks Brassneck vom Album Bizarro. Einer dieser sich fast überschlagenden Songs, die Gedge mit seinem raren Instinkt für göttliche Melodien auf Spur hält.

Apropos: Nachdem Gedge The Wedding Present in den 90ern auf Eis gelegte hatte, führte er mit der Band Cinerama seine Melodieseligkeit zu neuen Horizonten, die mit schicker, mediterraner Sixties-Noblesse angereichert wurden. Vom Cinerama-Album Disco Volante gab Gedge das drängende Stück Wow, das mit seiner Titelgebung gleichzeitig die beste Selbstanalyse liefert - auch für dieses Konzert. Wenn auch vom Publikumsaufkommen unbedankt - es war ein großer Abend. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 15.5.2006)

Von Karl Fluch
  • David Gedge bei der Akkordarbeit: Im Rahmen des Gravity- 
Festivals im Planet Music gab er mit seiner Band The Wedding Present ein hinreißendes Konzert.
    foto: standard/fischer

    David Gedge bei der Akkordarbeit: Im Rahmen des Gravity- Festivals im Planet Music gab er mit seiner Band The Wedding Present ein hinreißendes Konzert.

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