Guatemalas lange Vergangenheit

12. Mai 2006, 11:49
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Menschenrechtlerin Claudia Samayoa von der Organisation "Gewaltlose Friedenskräfte" untersucht die zunehmenden Morde an Frauen

Sie sind zwischen 16 und 24 Jahre alt, sie arbeiten unter miesen Bedingungen in den Städten Guatemalas. Erstaunlich viele von ihnen gehören evangelikalen Sekten an. Die allermeisten von ihnen werden in der Nacht getötet, auf dem Nachhauseweg von der Arbeit. Die guatemaltekische Menschenrechtsaktivistin, Claudia Samayoa von der Organisation "Gewaltlose Friedenskräfte" untersucht die zunehmenden Morde an Frauen.

Seit 2002 waren es insgesamt 1100, allein heuer schon 70. Bezeichnend ist, dass die Frauen auf bestialische Art getötet werden, sagt Samayoa. Viele würden zuvor etwa gefoltert. "Diese Morde haben etwas mit der ungelösten Vergangenheit zu tun." Samayoa verweist auf Praktiken während des Krieges bis 1996. Damals wurden Menschen getötet, um "Botschaften" zu hinterlassen. 30.000 Soldaten waren involviert in Vergewaltigungen, als Mittel psychologischer Kriegsführung. "Jetzt explodiert diese Gewalt."

Verborgene Strukturen

Zehn Prozent der Morde stehen in Zusammenhang mit Diebstahl, zwölf Prozent werden von Straßengangs verübt, 26 Prozent werden als "häusliche Gewalt" eingestuft. Bei der Hälfte der Morde tappt man allerdings im Dunklen. Von 100 Morden würden nur drei untersucht. Die Justiz versage, auch bei den Attacken gegen MenschenrechtsaktivistInnen. Samayoa redet von "verborgenen Strukturen". "Die Mafia hat sich nicht nur in der Politik, auch in der Justiz und der Armee fest verankert."

In den vergangenen sechs Jahren wurden in Guatemala 733 Personen, die sich für Menschen- oder soziale Rechte engagierten, attackiert, 60 starben an den Folgen. "Das ist eine Art wie man mit der Opposition umgeht", sagt Samayoa. Die Attacken gegen Gewerkschaftsführer hätten erst begonnen, als sie 2004 gegen ein Freihandelsabkommen mit den USA protestierten. Etwas Positives sieht sie trotz allem: Die Leute, die attackiert werden, beschweren sich über Korruption, sie setzen sich für ihre Rechte ein oder organisieren einfach den Alltag. Auch wenn es nur die Müllabfuhr ist. (awö, DER STANDARD, Print, 11.5.2006)

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  • Claudia Virginia Samayoa
    foto: standard/cremer
    Claudia Virginia Samayoa
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