Nachlese: "Wo soll ich wohnen, im Container?"

6. Juni 2006, 09:04
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Ex-Bawag-Chef Helmut Elsner, in dessen Ära die Bawag 999 Mio. Euro in der Karibik versenkt hat, würde heute alles genau­so tun, erklärt er im STANDARD-Interview

STANDARD: Die Bawag muss mit Staatshaftung und Geldspritze ihrer Konkurrenten gerettet werden, der ÖGB liegt am Boden. Welchen Beitrag haben Sie zur Bawag-Rettung geleistet?

Helmut Elsner: Was soll ich bei den Summen, um die es geht, für einen Beitrag leisten? Indem man aufklärt, rettet man am besten.

STANDARD: Keine kleine Geste der Solidarität?

Elsner: Soll ich aus der Dachwohnung ausziehen? Soll ich im Container wohnen? Das habe ich nicht vor, zumal ich für das alles nicht verantwortlich gemacht werden kann. Denn: Die ganze Sache hat mit mir nichts zu tun. Da werden Sachen durcheinander gebracht, und zwar die Karibik-Geschäfte, die mit Wolfgang Flöttl durchgeführt wurden, und Refco. Als Refco passierte, war ich schon in Pension, das hat mit mir absolut nichts zu tun. Wir haben Wahlkampf, man vermischt zwei Geschäftsfälle.

STANDARD: Die Haftung hat damit nichts zu tun.

Elsner: Die wird für die Bilanzerstellung benötigt, weil in den USA geklagt werden soll. Für die Karibik-Geschäfte, die längst verdaut sind, war eine Staatshaftung nie nötig. Das hat die Bank aus eigener Kraft und mit Hilfe des ÖGB in Form seiner Haftung geschafft.

STANDARD: Die Verbindung zu Refco entstand in Ihrer Ära.

Elsner: Ja. Refco war ein Brokerhaus, für das wir Clearinggeschäfte tätigten. Wir haben eine Beteiligung gewünscht, weil Refco profitabel war. Wir haben aber nie bei irgendwelchen Geschäften mitgetan. Ich habe auch mit dem Refco-Kredit null zu tun. Da herrschen Unwissenheit und politisches Kalkül - gewürzt mit Neid.

STANDARD: Sie wohnen im Penthouse auf der Bankzentrale. Ist es sehr geschickt von Ihnen, dort, wo die Bawag-Mitarbeiter versuchen, die Abhebungen zu stoppen, herumzuspazieren?

Elsner: Es ist für mich nicht so problematisch, weil ich nicht da bin. Das Penthouse ist leer, ich lebe in Südfrankreich. In Wien bin ich nur, wenn ich meine Aussagen mache. Und "Penthouse", das klingt so gigantisch: Es ist nur ein Dachausbau. Die Eigentümer hatten mir das angeboten, die Mieten wurden auf den Kaufpreis angerechnet. Das hat seine Ordnung.

STANDARD: Für die Karibik-Verluste von einer einer Mrd. Euro sind Sie verantwortlich. Von 1995 bis 1998 war ein Verlust von 700 bis 800 Mio. Euro angefallen. Trotzdem haben Sie Flöttl weitere hunderte Millionen gegeben. Warum bloß?

Elsner: So ist es nicht passiert. Ich habe 1995 Flöttls Privatvermögen angeschaut, das betrug eine Mrd. Dollar. Und er hat uns seine Privathaftung gegeben. Die politische Verantwortung für die Wiederaufnahme der Geschäfte übernahmen wir nicht, wir haben den gesamten Aufsichtsrat informiert. Bis September 1998 hatten wir Gewinne, rund 600 Mio. Schilling. Das war nicht besonders viel bei einem Einsatz von 550 Mio. Aber unsere Verträge sahen nie heiße Spekulationsgeschäfte vor, Flöttl musste das kreditierte Geld mit Eigenmitteln unterlegen und wir haben uns mit einer Verzinsung von drei Prozent über Libor zufrieden gegeben.

STANDARD: Das hätten Sie allein auch geschafft.

Elsner: Nein. Unser Treasury war dafür nicht eingerichtet. Jedenfalls hat Flöttl die Verträge nicht eingehalten, der Verlust war da. Dafür haben wir ihm sein Vermögen weggenommen.

STANDARD: Sie haben seine Kredite, die er auf die Gemälde hatte, bezahlt, er hat versteigert. Die Bawag hat Flöttl zudem 1998 einen Betriebsmittelkredit von 80 Mio. Dollar gegeben. Warum?

Elsner: Das stimmt. Wir haben 150 Mio. Dollar Kredite abgedeckt, damit wir an sein Vermögen kommen. Bei der Verwertung war er Durchführungsorgan, das Geld, rund 500 Mio. Dollar, floss in die Bank. Flöttl musste uns auch seine wertvollen operativen Firmen überschreiben, die hatten hundert Mitarbeiter. Die Liegenschaften auf den Bermudas gehören der Bank jetzt noch, die Firmen auch. In die sind dann die 80 Mio. Dollar Kredit geflossen, und die hat Flöttl erneut für seine Spekulationen benützt. Ende 2000 war es dann aus.

STANDARD: Warum haben Sie nicht informiert?

Elsner: Hätten wir den Aufsichtsrat informiert, hätten wir zu befürchten gehabt, dass das alles bekannt wird. Deshalb hat der gesamte Vorstand beschlossen, zunächst nur den Präsidenten zu informieren und es ihm zu überlassen, den restlichen Aufsichtsrat zu informieren.

STANDARD: 2000 konnten Sie nicht bilanzieren.

Elsner: Doch. Wir hätten aber keinen Gewinn ausgewiesen und hätten die P.S.K. nicht erwerben können, oder man hätte uns sie nicht kaufen lassen. Das war uns zu riskant. Darum ist uns die Idee mit der ÖGB-Garantie gekommen.

STANDARD: Die Staatsanwaltschaft verdächtigt Sie der Bilanzfälschung. Kommen Sie dran?

Elsner: Nein. Als ich aus der Bank ausschied, war eine große Aufbruchstimmung, ich ging guten Gewissens. Fragen Sie die Mitarbeiter.

STANDARD: Die sind zum Teil auf der Psychiatrie.

Elsner: Dafür kann ich nichts.

STANDARD: Was würden Sie heute anders tun?

Elsner: Ich würde genauso wieder handeln.

Zur Person

Helmut Elsner, ab heute 71, kam 1955 in die Bawag und leitete sie von 1995 bis Ende 2002. Gegen ihn laufen Vorerhebungen. Elsner wird derzeit von der PR-Agentur Hochegger gecoacht. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 12.5.2006)

Warum er keinen Rettungsbeitrag für die Bank leistet, erfragte Renate Graber
  • Ex-Bankgeneraldirektor Helmut Elsner zum Refco-Kredit: "Das alles hat nichts mit mir zu tun."
    foto: standard/hendrich

    Ex-Bankgeneraldirektor Helmut Elsner zum Refco-Kredit: "Das alles hat nichts mit mir zu tun."

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