Streit um Obsorge

12. Mai 2006, 13:35
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Die Hälfte aller geschiedenen Eltern behalten die gemeinsame Obsorge - Justizministerin möchte Anteil erhöhen

Wien – Jedes Jahr erleben rund 15.000 Kinder in Österreich die Scheidung ihrer Eltern. Obwohl es für fortan getrennt lebende Mütter und Väter seit 2001 möglich ist, die gemeinsame Obsorge zu erhalten, tut dies erst die Hälfte aller Betroffenen.

"Informationsdefizit"

"Der Grund ist, dass es in der Bevölkerung noch immer ein großes Informationsdefizit gibt", stellte Justizministerin Karin Gastinger (BZÖ) am Dienstag bei der Präsentation einer Evaluierungsstudie fest. Auch bei involvierten Berufsgruppen, wie Anwälten, Notaren und Jugendwohlfahrtsbehörden gebe es einen zögerlicher Umgang mit der gemeinsamen Obsorge.

Dabei stoße das österreichische Modell der gemeinsamen Obsorge, das einen Konsens beider Elternteile voraussetzt, durchaus auf Zustimmung, betonte Helmuth Figdor von der Arge psychoanalytische Pädagogik. In der Studie wurden 2413 Scheidungen aus dem letzten Quartal 2004 untersucht. Dreiviertel aller Geschiedenen, die sich für die gemeinsame Obsorge entschieden hatten, zeigten sich danach sehr zufrieden.

Konfliktpotenzial senken

"Und hier ging es auch um Paare, bei denen sich im Vorfeld eine äußerst problematische Trennung angekündigt hatte", so Figdor. Generelle Befürchtungen, dass Männer ihre Ex-Gattinnen vermehrt mit Unterhaltszahlungen "erpressen" könnten, hätten sich nicht erfüllt. Ebenso wenig, dass Frauen ihren tendenziellen "Mutter-Bonus" ausspielten. Es zeige sich deutlich, dass eine gemeinsamen Obsorge das Konfliktpotenzial entscheidend verringere.

In der Berufsgruppenerhebung ist Christa Pelinkan vom Institut für Rechts- und Kriminalpsychologie vor allem mit Richtern zufrieden. Bei Gerichten werde die gemeinsame Obsorge von Kindern gefördert. Bei Beratungsstellen der Jugendwohlfahrt sei dies weniger der Fall. "Wahrscheinlich, weil Sozialarbeiter es oft mit wirklich grauslichen Streitereien zu tun haben und deswegen zur alleinigen Obsorge raten ", meint Pelinkan. "Aber auch in diesen Fällen ist Konsens möglich", ist sie überzeugt.

SP: "Frauenpolitischer Rückschritt"

Justizministerin Gastinger kündigte eine Infokampagne an. Die SPÖ bleibt weiter skeptisch: "Aus einer kaputten Familie wird nicht eine heile, nur weil die Justizministerin eine neue Studie aus der Tasche zieht", meinte SP-Bundesfrauengeschäftsführerin Bettina Stadlbauer. Die gemeinsame Obsorge sei "einer der wesentlichen frauenpolitischen Rückschritte der schwarz-blauen, nunmehr bunten Regierung". (Michael Simoner, DER STANDARD Printausgabe, 10.05.2006)

  • Nicht mehr Seite an Seite, aber zumindest Rücken an Rücken: Die Hälfte der geschiedenen Eltern wählt ein geteiltes Obsorgemodell
    foto: cremer

    Nicht mehr Seite an Seite, aber zumindest Rücken an Rücken: Die Hälfte der geschiedenen Eltern wählt ein geteiltes Obsorgemodell

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