Späte Rückkehr ins Internat

14. Mai 2006, 18:33
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Paul Ingendaays misslungener Adoleszenzroman "Warum du mich verlassen hast"

Dass etwas mit mir nicht stimmte, merkte ich daran, dass ich wieder diese Träume hatte. Ich werde sie euch nicht erzählen." Und ob er das wird, ist der Leser nach vielen Stunden an der Seite von Marko Theunissen schlauer, wenn er das Buch dann noch einmal aufschlägt und den ersten Satz des Romans zum zweiten Mal liest. Er wird uns alles erzählen.

Nicht immer wird die Wahrheit gesagt in Paul Ingendaays Warum du mich verlassen hast, mit dem einer der vertrauenswürdigeren Literaturkritiker unserer Tage sich selbst erstmals als Autor exponiert - ausgerechnet mit einem Internatsroman, der in einem Kollegium irgendwo im niederrheinischen Niemandsland nahe der holländischen Grenze spielt und zu allem Überdruss noch ein deutlich autobiografisch gefärbter Roman ist.

Die Lüge und die Schande, damit wären schon die beiden Begriffe genannt, die das Collegium ausmachen, in dem Marko seine Teenagerjahre fristet. Die Erziehung, die den Kindern und Jugendlichen hier zugefügt wird, ist eine humanistische, katholische und sehr verlogene. Hinter diesen Mauern wird die Schande so lang wie der Teufel an die Wand gemalt, bis es für einen wachen, jungen Menschen nichts Reizvolleres gibt, als von ihr zu kosten.

Die Einhaltung der Internatsregeln aber wird streng überwacht. Die Mönche werden als Heuchler gezeichnet, sind im Prinzip jedoch auch nur arme Schweine, die nichts vom Leben haben und ihre Lust im Schikanieren der Zöglinge ausleben. Ein mysteriöser Bruder vertreibt sich die Zeit damit, im Buch der Ordnungen jene Begebenheiten aus der Kollegiumsgeschichte niederzuschreiben, die grobe Abweichungen von der Ordnung darstellen. Am Ende wird sich auch Marko in dieses Buch eintragen.

Warum du mich verlassen hast schildert die Ereignisse im für den Jugendlichen stürmischen Schuljahr 1976/77. Der intelligent, aber auch sehr naiv wirkende Marko nimmt in diesem Jahr Abschied von der Kindheit und wird zum Erwachsenen - auf die harte Tour. Seine Familie zerbröckelt; der Vertrauensmann Bruder Gregor, mit dem er sich ausgiebig über Bücher austauscht, verlässt das Kollegium; den ersten Kuss bezahlt er mit einem Messerstich; mit dem Glauben an Gott ist es bei dem in einer nihilistischen Phase steckenden Burschen sowieso nicht weit her. Und überall um ihn: Lüge.

Ingendaays junger Held, aus dessen Sicht die Geschichte erzählt wird, fühlt sich wie Robinson auf der Insel. Seinen Defoe hat er so genau studiert, dass sich Passagen aus dem Roman fast wortwörtlich in seinem Text wiederfinden. Aber auch sonst wird viel gelesen und zitiert. Hier sucht jemand offenkundig noch nach seiner eigenen Stimme.

Ingendaays Roman ruft ständig Erinnerungen an andere Adoleszenzromane wach, an Salingers Fänger im Roggen, an Musils Verwirrungen des Zöglings Törleß. Im Vergleich dazu erweist er sich jedoch als blasse Fortschreibung einer literarischen Tradition, als eine etwas behäbige Variante aus der deutschen Provinz in den Siebzigerjahren.

Anders, als man es von Ingendaay, der das Werk des großen US-Romanciers William Gaddis für den deutschen Sprachraum entdeckt hat, erwartet hätte, stellt dieser Text keine Fallen. Er ist zwar sprachlich durchaus gelungen, aber er plätschert zu lang ohne besondere Einfälle monoperspektivisch dahin.

Die wahre ästhetische Leistung Ingendaays besteht darin, sich während des Schreibens derart lückenlos in ein 15-jähriges Ich eingefühlt zu haben, dass der Leser irgendwann vergisst, einen Text aus der Feder eines literarisch mit allen Wassern gewaschenen Mittvierzigers zu lesen. Ja, wer bemüht hier überhaupt das erinnernde Präteritum - der Jugendliche, der kürzlich erst aus dem Internat geflogen ist, oder einer, dem vor beinahe dreißig Jahren einmal Ähnliches widerfahren sein könnte?

Bald hat man einen Verdacht. Nach 500 - teils durchaus kurzweiligen, teils durchlittenen - Seiten hat er sich ausreichend erhärtet: Weite Strecken dieses Buches hätte auch ein hoch begabter Teenager zu Papier bringen können. Ob ihm Ingendaay nur die Hand führen wollte, erscheint mehr als fraglich. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 6./7.5.5.2006)

Von Sebastian Fasthuber
  • Paul Ingendaay: "Warum du mich verlassen hast"€ 25,50, 506 Seiten. SchirmerGraf, München 2006
    buchcover: schirmergraf

    Paul Ingendaay:
    "Warum du mich verlassen hast"
    € 25,50, 506 Seiten. SchirmerGraf, München 2006

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