Verfechter des Brückenschlags

23. Juni 2006, 15:35
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AMS-Vorstand Böhm im Interview über die Zukunft der Fachhochschulen und den Forschungsstandort Österreich

Wertschöpfung bringt Wertschätzung, sagt der Chef des Arbeitsmarktservices Österreich (AMS), Herbert Böhm. Denn das Back Office werde immer schneller wegrationalisiert als ein Key Account Manager. Im Gespräch mit Heidi Aichinger erklärt er, warum.

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STANDARD: In den Statistiken des AMS - Arbeitslose nach Bildungsstand - ist immer wieder zu sehen, dass FH-Absolventen weniger betroffen sind als jene der Universitäten. Im Dezember 2005 etwa gab es 703 arbeitslose FH-Absolventen, im Vergleich dazu waren 8103 Uni-Absolventen ohne Job. Ist die niedrige Arbeitslosenrate unter FH-Absolventen ein Trend, der sich halten wird?

Böhm: Ich glaube schon. Diese niedrige Arbeitslosenrate dokumentiert, dass das duale Ausbildungssystem, die Verbindung zwischen Theorie und Praxis ein Erfolgsrezept ist. Das rein wissenschaftliche Studium hat in der Wortwahl schon ein kleines Problem. Da heißt es Studienabschluss - woanders Job-Beginn. Die Erfolgskriterien für FHs sind auch nicht so, wie sie es am Anfang waren, aber allemal ist ihr Risiko, arbeitslos zu bleiben, geringer. Daher bin ich auch ein Verfechter der Brücke zwischen Wirtschaft und Wissenschaft. Es ist wichtig, dass man lehrt, was in der Wirtschaft Aufnahme findet.

STANDARD: FH-Absolventen werden seitens der Wirtschaft also gut aufgenommen?

Böhm: Das ist, was ich immer wieder höre. Die Fachhochschulen machen wirklich gutes Marketing, da ist ein USP da. Das Marketingvokabular ist in der Praxis und in der sprachlichen Vermittlung vorhanden, und die Tätigkeitsbereiche sind gut beschrieben.

STANDARD: Wie sehen Sie die Zukunft für die Akademiker im Allgemeinen, was ist mit dem Forschungsstandort Österreich?

Böhm: Natürlich gibt es in der Wissenschaft und Forschung nach wie vor Akademikerbedarf, aber die Frage nach den Jobs stellt sich ganz anders. Studenten und Forscher sind weltweit verfügbar, da geht es mehr um die Finanzierung, um öffentliche Budgets. Bei den FHs ist wichtig, dass man das Wissen sofort in die Praxis und in Österreich vornehmlich in Klein- und Mittelbetrieben umsetzen kann.

STANDARD: Können Sie aus Sicht der Arbeitsmarktverhältnisse derzeit zu einer bestimmten Ausbildung raten - FH/Uni oder anderes?

Böhm: Ich glaube, dass, wenn es um wirtschaftliche Fragen geht und um die Entwicklung zu einer Informations- und Dienstleistungsgesellschaft, die Frage nach ökonomischen Gesichtspunkten wichtig ist. Ich würde mir mehr Austausch zwischen Wissenschaft und Wirtschaft wünschen. Diese Verbindung halte ich für wichtig, diesen Austausch. Ich halte viel vom Austausch zwischen den Berufsgruppen, viel von mehr Durchlässigkeit zwischen den Berufsgruppen. Warum soll ein Lehrer nicht im Kindergarten unterrichten oder sein Wissen bei den Senioren anwenden? Man schaut ein wenig durch Schießscharten auf die Welt.

STANDARD: Hat Ihrer Ansicht nach die Abschaffung des "FH-Kürzels" am Titel Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt?

Böhm: Ich denke, dass das Weglassen des FH-Kürzels die Akzeptanz am internationalen Arbeitsmarkt erhöht. Mir ist wichtig, Ausbildungsabschlüsse transparenter darzustellen. Fragen wie: Was hat ein österreichischer FH-Absolvent davon, wenn er in Polen in den Job einsteigt, sind wichtig. Das gibt Sicherheit für mobileres Verhalten.

STANDARD: Wie sieht es zurzeit aus in Sachen Mobilität - liegt Österreich immer noch im letzten hinteren Drittel?

Böhm: Ein höherer Bildungsgrad erzeugt die Tendenz zu angstfreier, nicht erzwungener Mobilität. Da haben die Österreicher bis jetzt ziemliches Sitzfleisch gezeigt. Ich unterscheide zwischen physischer und einer Art intellektuellen Mobilität, sich auch in andere Bereiche zu trauen und dabei nicht immer nach der Job-Description zu gehen. Ein Job ist das, was ich daraus mache. Wertschöpfung erzeugt Wertschätzung. Und Wertschöpfung hat mit Kunden zu tun. Man wird das Back Office immer schneller wegrationalisieren können als einen Key Account Manager. Dabei geht es nicht nur um Fachwissen, sondern um Praxis mit theoretischem Rüstzeug.

STANDARD: Welche Branchen werden interessant sein?

Böhm: Gesundheit und Soziales. Da geraten wir rein biologisch rein. Und da gehört dazu, dass wir mehr Organisationseinheiten wie u. a. Lebenshilfe anbieten müssen - denn genau dort wird ein neuer Markt entstehen. (DER FACHHOCHSCHUL-STANDARD, Printausgabe, 29./30.4/1.5.2006)

Zur Person:

Vor rund zwölf Jahren und nach einer langjährigen Karriere im Bankensektor wechselte Herbert Böhm, heute Vorstandsmitglied, zum Arbeitsmarktservice Österreich (AMS).

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