Verlierer an die Macht

24. April 2007, 01:03
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Das Tribute ans Regie-Duo Helke/Suutari alleine lohnte den Besuch beim Filmfestival "Crossing Europe"

Linz – Ein älteres Paar posiert Händchen haltend im Garten vor einem Blumenbeet. Seitlich, nach entgegengesetzten Richtungen blickend, wirken Mann und Frau allerdings wie in einer Trennungsbewegung erstarrt. Das ist zum einen als stimmige bildliche Übersetzung der später folgenden Aussagen der beiden lesbar – sie berichten von ehelichem Stellungskrieg, von kleinen Verletzungen und Missverständnissen. Zum anderen ist diese eigentümlich berührende Einstellung trotzdem mehr als eine (zu) simpel gedachte Illustration.

Synti (Sin – A Documentary of Daily Offences) heißt der halbstündige Film von Susanna Helke und Virpi Suutari aus dem Jahr 1996. Einzeln oder in Gruppen stehen hier Leute im Bild. Ihre Positionierung im Raum (oder in offener Landschaft), die unterschiedlichen Blickachsen, die sie vorgeben, dynamisieren die statischen Tableaus und die zentralperspektivische Anlage. Ab und an beginnt eine/r zu reden und von alltäglichen Übergriffen, Versuchungen, Verletzungen oder Ängsten zu erzählen. Dazu kommen Texttafeln und eine Originalmusik, die den artifiziellen Charakter dieser eigenwilligen Arbeit betont.

Die finnischen Dokumentaristinnen zeichnen seit mehr als zehn Jahren im Duo für Buch, Regie und Schnitt verantwortlich. Ihr Zugang weicht ab vom Credo dokumentarischer Unmittelbarkeit. Stattdessen (re-)konstruieren Helke und Suutari finnische Gegenwart in Form von stilisierten Bildessays oder auch mittels nahe am Spielfilm gelagerter Erzählformen.

Immer unkommentiert, durchaus durchlässig für die komischen Momente im Alltag von ökonomischen "Verlierern" im Wohlfahrtsstaat – wie den Idle Ones (2001) oder dem Vertreter für Putzmittel und Vitaminpräparate, der im gleichnamigen Film mit tendenziell apathischer Frau und umso aufgeweckteren Kindern seinen Sonntag verbringt (Soapdealer's Sunday, 1998). Aber ebenso aufmerksam für Zwischentöne und nie denunziatorisch.

Das Tribute an die beiden Regisseurinnen – man kann hier auch einmal anmerken, dass Arbeiten von weiblichen Filmschaffenden in Linz mit der angemessenen Selbstverständlichkeit zum Programm gehören – reiht sich quer durch alle Sektionen des Programms in eine Auswahl von Filmen mit dezidiertem Interesse an den formalen Möglichkeiten des Mediums, an seinen vielfältigen Erzählweisen oder zumindest an solchen Inhalten, die sonst recht schnell unterhalb der massenmedialen Wahrnehmungsschwelle liegen bleiben:

"Generation Nothing"

Das beginnt etwa bei Generation C.K.O.D. (Regie: Piotr Szczepa´nski), der zwei Jahre lang den Aufstieg der aus Lódz stammenden Band Cool Kids of Death mit der Kamera begleitet. Dabei erzählt er nicht nur von der Generation polnischer Babyboomer, welcher sich heute, mit Ende zwanzig, nur wenige Perspektiven eröffnen. Sondern er handelt zugleich auch davon, welche Widersprüche und Konflikte sich zwischen Thematisierung und allmählicher Kommerzialisierung dieses Lebensgefühls eröffnen.

Und es könnte enden bei C. S Leighs Process, der in 29 Einstellungen (und in etwa so vielen Kamerafahrten) eine Frau (Béatrice Dalle) zeigt, die mit einer Reihe von schmerzhaften, ritualisierten Handlungen von ihrem Leben Abschied nimmt. Und der dabei ebenso als jenseitiger Kunstkinokitsch wie als dessen Persiflage lesbar bleibt.

Am erfreulichsten daran ist, dass diese Filme im dritten Crossing-Europe-Jahr bereits fast immer in vollen und mitunter auch in ausverkauften Sälen laufen. (Die beiden jüngsten, sehenswerten Arbeiten von Thomas Heise, Mein Bruder – We'll meet again (2005) und Im Glück (Neger) von 2006, die in Linz Österreichpremiere hatten, sind am 4. Spalte Sonntag auch im Filmmuseum in Wien zu sehen.)

Spätnachts, im Anschluss an ihren Auftritt als Sängerin, steht dann zum Beispiel noch die junge deutsche Schauspielerin Julia Hummer, die man durchaus als eine Art von europäischem Indie-Star bezeichnen kann, klein und ein wenig verschnupft hinter ihrem eigenen Merchandising-Stand im Festivalzentrum und verkauft CDs. Ein schönes Bild für die Gelassenheit, mit der sich dieser Tage in Linz so mancher produktive Grenzgang vollzieht. (DER STANDARD, Printausgabe vom 29./30.4/1.5.2006)

Von
Isabella Reicher

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crossingeurope.at
  • Begrenzter Handlungsspielraum im Wohlfahrtsstaat: ein charakteristisches Bild aus dem Dokumentarfilm "Soapdealer's Sunday" von Susanna Helke und Virpi Suutari.
    foto: pressefoto festival

    Begrenzter Handlungsspielraum im Wohlfahrtsstaat: ein charakteristisches Bild aus dem Dokumentarfilm "Soapdealer's Sunday" von Susanna Helke und Virpi Suutari.

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