Oberösterreich darf Ostfriesland werden

5. Mai 2006, 13:18
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Das Kulturhauptstadtjahr 2009 wirft seine Schatten voraus. Doch was bewegt den aus Bielefeld gebürtigen Intendanten Rainer Mennicken dazu, von Oldenburg nach Linz zu wechseln? - Ein Porträt

Linz - Der für Herbst designierte Dreispartenintendant des Linzer Landestheaters residiert vorderhand in einem Zimmerchen, von dessen verschwiegener Existenz vielleicht sogar der Hausbeschließer kaum einmal Kenntnis erlangt hat. Fragt man an der Linzer Bühnentüre nach dem Verbleib von Rainer Mennicken, setzt hektisches Nachfragen bei der charmanten Pförtnerin ein.

Lagepläne werden entziffert, Hypothesen aufgestellt. Der hoffnungsfrohe Besucher, der großzügig gelobt hat, auf eigene Faust den Zugang zu Mennickens Klause zu erzwingen, findet sich in einem Gewirr von Korridoren wieder. Der Ärmel des Sakkos wischt knisternd über mit Zeitungspapier verklebte Schneiderpuppen. Ein Feuertreppenabsatz noch, dann ist es geschafft: Rainer Mennicken bittet freundlich in sein Gelass, ohne den Telefonhörer abzusetzen. Es geht um Verwaltungspapierkram.
Mennicken ist ein ausgesprochen feingliedriger Mitt-fünfziger mit formvollendeter Gestik. Im legeren Leinenanzug hat er etwas von einem an verantwortlicher Stelle tätigen Kolonialbeamten an sich. Er leitet bis Saisonende das Oldenburger Dreispartenhaus: seit fünf Jahren, die eine "ordentliche Substanz" erbracht hätten, was sich ohne Mühewaltung "an den statistischen Daten ablesen" lasse.

Er scheide "mit dem berühmten lachenden und weinenden Auge". Oldenburg, das ist von Linz so weit entfernt wie die Vereinigten Bühnen in Omsk. Aber es liegt nur rund 50 Kilometer von der Hansestadt Bremen entfernt: von dort also, wo Peter Zadek in den späten 60er-Jahren dem deutschsprachigen Sprechtheater die Reichskanzleistil-Flausen austrieb.
Warum also Linz? "Man ist als Theaterleiter hier und da bemüht," so Mennicken, "die Verfügungsspielräume zu erweitern - sie zu entdecken und zu erobern." Engelsgeduldig spult Mennicken Personalstandszahlen herunter, als rekapituliere er den Wasserstand an der Nibelungenbrücke. In Linz gebe es 530 Beschäftigte; im Oldenburgischen Staatstheater hingegen nur 380. "Das heißt: Die Kollektive sind größer, der Chor ist größer. Es lässt sich umfangreicher planen und personenintensiver produzieren."
Vor allem aber lockt das Hauptstadtjahr 2009: "Weil ich denke und hoffe, dass das Landestheater in diesem Kalenderjahr eine nicht ganz unbedeutende Rolle im Konzert der Akteure spielen wird", sagt Mennicken. Durch die Gänge hallt währenddessen ohrenbetäubender Sopranistinnengesang.

Das dritte Thema liegt auf der Hand: der anstehende Opernhausneubau. Der Brite Terry Pawson hat die Ausschreibung mit der Präsentation eines äußerlich schmucklosen Schachtelmodells gewonnen. Kein Turm mehr weit und breit zu sehen. Auch die eher nierenförmige Variante eines kühnen Konkurrenzanbieters ließ man getrost unter den Jury-Tisch fallen. Dafür sind jetzt alle in Linz glücklich, dass es überhaupt noch zur Errichtung eines Opernhauses kommt. Unglückseligerweise kann aber das rote Eröffnungsband nicht im Hauptstadtjahr durchgeschnitten werden.


Lokale Unwägbarkeiten

Mennicken: "Das ist inzwischen unrealistisch, ja." Es wäre eine fabelhafte Konstellation gewesen, gibt der gebürtige Bielefelder zu. Die Gründe vermag er "nicht kompetent einzuschätzen". Stolpersteine gebe es: "Unwägbarkeiten". Die Entscheidung hätte überhaupt schon im Dezember fallen sollen. Jede Variante aus dem Dreierentwurf hätte eine "250- bis 300-prozentige Verbesserung für die Arbeit des Landestheaters in sich geborgen". Jetzt gehe es darum, "den Schwung odere die Konturen des urbanen Umfelds aufzunehmen": "Ein solches Unternehmen tut gut daran, soziale Akzeptanz zu vermitteln."

Man wird Mennickens Verhalten kaum jemals bilderstürmische Impulse unterstellen können - obwohl er auch "mutig in den Turm eingezogen" wäre. Er gewinne "Kubatur". Im alten Landestheater arbeite man "am Rande der Zumutbarkeit". Der Fahrplan sieht vor: Nach vollzogenem Umzug wird das Schauspiel ins große Haus übersiedeln, in den Kammerspielen der "u\hof" Einzug halten.
Mennicken, der dem umtriebigen Michael Klügel nachfolgt, setzt auf das "Herzblut" von Landeshauptmann Pühringer (VP): "Was er bewegen kann, wird man sehen." Er, Mennicken, sei aus Niedersachsen "Kummer gewöhnt". Er klopfe vorderhand auf das Holz seines Referendar-Schreibtisches.
Mennicken: "Ich weiß, dass ich mich, wie in Freiburg oder Kassel, in einer Mittelstadt befinde. Das ist mir sehr sympathisch." Das Theater werde zu einem "Traktor", der etwas bewege. Mennicken denke an die Befriedigung legitimer Publikumswünsche, "ohne eigene Ansprüche zu verleugnen". Er unterstellt sich "Beharrlichkeit", als "ausgeglichener Typus". Heutige Intendanten zielen darauf ab, Ostfriesländer und Mühlviertler gleichermaßen mit Kulturgrundnahrungsmitteln zu versorgen. Die Zeiten der Unruhe sind vorbei. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.04.2006)

Von Ronald Pohl
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    In Oldenburg experimentierte Intendant Rainer Mennicken noch mit Theaterhausmodellen: Wie erzeugt man einen lokalpolitischen Kulturauftrieb?

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