Projektion. Montage. Politik

30. Mai 2001, 14:56
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Die Praxis der Ideen von Jean-Luc Godard (Ici et Ailleurs) und Gilles Deleuze von Elisabeth Büttner

Um etwas zu sehen, zu (er)finden oder zu verstehen, ist es notwendig, sich Zeit zu nehmen." Diese scheinbar simple Feststellung erhält ihre Bedeutung durch den Zusammenhang, in dem sie fällt: Nämlich in Bezug auf eine audiovisuelle "Medienrealität", deren standardisierte Produkte den Blick eher verstellen, als dass sie den Betrachtern etwas zu sehen gäben.

Einer, der bereits früh dazu übergegangen ist, dieses Feld der Bilder und Töne auf seinem eigenen Terrain, also mit filmischen Mitteln zu befragen, zu dekonstruieren und zu erhellen, ist der französisch-schweizerische Regisseur Jean-Luc Godard. Ende der 60er Jahre nahm er seine Interventionen auf, die von einer politischen Film-Praxis nicht zu trennen sind.

Ein jüngst erschienenes Buch der Wiener Filmwissenschafterin Elisabeth Büttner widmet sich nun speziell dieser Phase von Godards Arbeit. Es handelt sich bei Projektion. Montage. Politik. allerdings weder um eine Autorenmonographie, noch um eine ästhetische Werkanalyse. Es geht darin um Arbeitsweisen und um Zugänge zum Kino. Im Zentrum des Buches stehen explizit die (weniger bekannten) Video-Arbeiten von Godard aus den frühen 70er Jahren: Entstanden in enger Kooperation mit Anne-Marie Mièville, nach dem ersten Bruch mit dem Kinofilm beziehungsweise bevor Godard in den 80er Jahren unter neuen Vorzeichen zu diesem zurückkehrt. In Ici et ailleurs (Hier und anderswo, 1970-74) erprobt und verfeinert Godard jene Strategien der Bild-Befragung, die später auch seine Histoire(s) du cinéma auszeichnen. Die beispielsweise auf die "Kehrseite" der Bilder, auf den Kontext und die Mittel ihrer Herstellung, oder auf das "Zwischen", auf die Frage nach ihrer Verkettung insistieren und in dieser Hinsicht kaum an Aktualität eingebüßt haben.

Davon ausgehend lassen sich Verbindungen zum französischen Philosophen Gilles Deleuze herstellen. In einem ersten Schritt wird der Weg zu Godard in Projektion. Montage. Politik. über eine Verortung im Kino geführt, die nicht primär historisch ist, sondern sich an der Bild-Typologie von Deleuze orientiert. Godard tritt auf den Plan, als das Kino bereits dabei ist, sich von einem "Kino der Geschichten" zu emanzipieren, sich öffnet, durchlässig, brüchig, von einem "Kino der Handelnden zu einem Kino der Sehenden" wird. "Godards Denken in Bildern und Tönen (...) provoziert neue Ansätze im Sehen und Verstehen von Kino." Projektion. Montage. Politik. trägt diesen Vor-Satz weiter. (Isabella Reicher)

Büttner, Elisabeth
Projektion. Montage. Politik
Die Praxis der Ideen von Jean-Luc Godard (Ici et Ailleurs)
und Gilles Deleuze (Cinéma 2, L'image temps)
Redakt.: SYNEMA-Publikationen

ISBN: 3-901644-04-0
SYNEMA
144 S./öS 248.00

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