Zähne wie eine Perlenreihe

22. Jänner 2007, 16:53
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Warum österreichische Krankenkassen nicht alle kieferorthopädischen Behandlungen zahlen - Silvia Silli, Vorstandsmitglied des Verbands österreich­ischer Kieferorthopäden, im STANDARD-Interview

Standard: Österreich ist neben Luxemburg das einzige europäische Land, in dem es keinen Fachzahnarzt für Kieferorthopädie gibt. Warum?

Silli: Das hat damit zu tun, dass die Ärztekammer bzw. seit Jänner 2006 die Zahnärztekammer für die ärztliche Weiterbildung zuständig ist und den Fachzahnarzt für Kieferorthopädie aus welchen Gründen auch immer bislang nicht für erforderlich hält. Bis 2001 gab es bei uns auch kein eigenständiges Zahnmedizinstudium. Dagegen gibt es in Deutschland sogar bereits seit 1935 den Fachzahnarzt für Kieferorthopädie!

Standard: Wird der Fachzahnarzt für Kieferorthopädie kommen?

Silli: Aus Gründen der Qualitätssicherung und des Umfangs des Fachgebiets ist das absolut notwendig. Wir können keinen stichhaltigen Grund erkennen, warum eine Ausbildungsform, welche in ganz Europa und weltweit in allen Ländern mit einem höher entwickelten Gesundheitssystem als zielführend und nützlich erachtet wird, ausgerechnet in Österreich nicht notwendig sein sollte. Unbestritten ist, dass eine möglichst intensive und umfassende Ausbildung die wichtigste Grundlage der Qualitätssicherung in der Medizin bildet.

Standard: Was bedeutet das Fehlen eines eigenen Fachzahnarztes?

Silli: Seit Österreich EU-Mitglied ist, ist es noch komplizierter, weil Fachzahnärzte für Kieferorthopädie aus dem EU-Raum nach Österreich kommen und sich hier auch so nennen dürfen, während wir, die wir uns spezialisiert haben, das offiziell nicht dürfen. Wir dürfen uns nur Facharzt für Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde nennen.

Standard: In Österreich darf jeder Zahnarzt - mit oder ohne kieferorthopädischer Spezialausbildung - Zahnspangen machen?

Silli: Ja, dies ist aber auch in allen Ländern, wo es den Fachzahnarzt für Kieferorthopädie gibt, ganz genau so. Nur gibt es bei uns keine klare Ausgangsbasis wie in allen anderen europäischen Staaten, in denen drei Jahre Fachausbildung im Anschluss ans zahnmedizinische Grundstudium das Minimum sind - in der Türkei sind es sogar vier Jahre. Bei uns kann jeder Zahnarzt selbst entscheiden, ob er an einer der Universitätskliniken zur Weiterbildung bleibt oder ob und wie viele kieferorthopädische Kurse er in seiner Freizeit besucht.

Standard: Woran erkennt der Laie angesichts dessen einen guten Kieferorthopäden?

Silli: Es gibt bestens ausgebildete Spezialisten, die sich aber nicht als solche deklarieren können. Deshalb haben wir auch 1998 den VÖK (Verband Österreichischer Kieferorthopäden) gegründet und unter anderem eine umfangreiche, freiwillige Prüfung eingeführt. Mit diesem "Austrian Board of Orthodontists" besitzen wir nach außen hin ein dem internationalen Standard entsprechendes Instrument der Qualitätssicherung. Man kann davon ausgehen, dass jemand, der das Austrian oder European Board absolviert hat, zu den Besten gehört. Der Rest ist Mundpropaganda und Informationsfilterung. Bei einfachen Fehlstellungen ist es an sich kein Problem, sich von einem gut weitergebildeten Zahnarzt behandeln zu lassen. Gerade für eine erfolgreiche Therapie ist es aber entscheidend zu erkennen, ob es sich um eine einfache oder um eine komplexe Fehlstellung handelt. Und natürlich hat ein Spezialist in solchen diagnostischen Fragen viel mehr Erfahrung.

Standard: Was verrät den schlechten Kieferorthopäden?

Silli: Ein eindeutig schlechtes Zeichen ist es, wenn man zur Erstuntersuchung kommt, der Zahnarzt nur in den Mund hineinschaut, erklärt, dass man eine Zahnspange braucht, einen Abdruck macht und beim nächsten Mal schon die Spange einsetzt. Das geht nicht. Eine korrekte Diagnose kann im Regelfall nur mithilfe eines Abdrucks, mit einem Panorama- und Schädelröntgen, mit Fotografien der Zähne und des Gesichts erfolgen.

Standard: Sind Behandlungen, die über vier Jahre dauern, verdächtig?

Silli: In Ausnahmefällen kann das vorkommen, im Durchschnitt dauern jedoch kieferorthopädische Therapien zwei bis drei Jahre. Die wichtigste Behandlungsmethode ist die festsitzende Zahnspange, mit der über 90 Prozent aller Fehlstellungen gut und korrekt behoben werden können. Das war vor 30 Jahren noch anders - damals war der Großteil der Zahnspangen herausnehmbar. Laut der Studie des Gesundheitsministeriums "Mundgesundheit in Österreich" vom November 2005 wird aber immer noch in 60 bis 75 Prozent aller Fälle mit herausnehmbaren Spangen therapiert.

Standard: Wie passt das zusammen?

Silli: Hier spielt sicher der seit 35 Jahren unverändert geltende Kassenvertrag eine Rolle, der nur die Behandlung mit abnehmbaren Zahnspangen regelt. Möglicherweise reichen viele Patienten mit festsitzenden Spangen gar nicht bei der Kasse ein.

Standard: Rechnen Sie mit baldigen Neuerungen?

Silli: Das fällt in den Zuständigkeitsbereich der Zahnärztekammer und des Hauptverbandes der Sozialversicherungsträger. Allen Seiten ist bewusst, dass es Nachholbedarf gibt. So geht es einfach auch nicht mehr. Der Verband Österreichischer Kieferorthopäden, der bislang nur als beratendes Organ befragt wurde, tritt für ein Zuschuss-System ein. Die Bezuschussung sollte nach Art und Schwere der Fehlstellung sowie nach sozialer Bedürftigkeit gestaffelt erfolgen. Derzeit wird das vorhandene Geld mit der Gießkasse verteilt: Jeder Antragsteller bekommt den Fixzuschuss seiner Kasse, und das auf jeden Fall für drei Jahre, unabhängig von der Schwere der Fehlstellung.

Standard: Zwei Dinge hört man immer wieder: "Man kann gar nicht früh genug mit der Korrektur von Fehlstellungen beginnen" und "es wird häufig zu früh begonnen." Was stimmt denn jetzt?

Silli: Ich stehe voll hinter dem zweiten Satz. Es wird häufig zu früh begonnen. Mittlerweile existieren ganz klare Richtlinien: Es gibt nur einige wenige Gründe, eine Behandlung schon bei Drei- oder Vierjährigen im Milchgebiss durchzuführen, zum Beispiel bei Kreuz- und Zwangsbissen, sprich, wenn Kinder nicht gerade zubeißen können. Das kommt etwa durch Schnuller oder Daumenlutschen relativ häufig vor. Um das zu vermeiden, lässt man sein Kind mit zwei bis drei Jahren, wenn das Milchgebiss fertig ist, zum ersten Mal vom Kieferorthopäden anschauen. Dann sollte mit sechs bis acht Jahren, wenn die Schneidezähne wechseln, die zweite Kontrolle folgen. Hier kann es manchmal im Schneidezahnbereich zu Kreuzbissen kommen, die sofort behandelt gehören.

Eine dritte Kontrolle sollte im zweiten Zahnwechsel erfolgen, der ungefähr mit neun, zehn Jahren beginnt. Falls eine Zahn-oder Kieferfehlstellung vorliegt, muss eine genaue Diagnose erstellt werden. Die Hauptbehandlungszeit ist vom 10. bis zum 14. Lebensjahr. Eine Bemerkung am Rand: Viele Eltern glauben, dass Abstände zwischen den Milchzähnen ein Problem sind. Genau das Gegenteil ist der Fall. Je mehr Abstand, desto mehr Platz wird für die bleibenden Zähne vorhanden sein. Liegen die Milchzähne hingegen schön eng wie Perlen nebeneinander, kann man bereits eine Prognose auf zukünftige Probleme treffen.

Standard: Wann verwendet man abnehmbare Zahnspangen, wann festsitzende?

Silli: Im Milchgebiss arbeitet man üblicherweise mit abnehmbaren. Im Wechselgebiss und im bleibenden Gebiss kann man auch kombinieren. Früher hat man gerne zweiphasig behandelt: Zuerst mit einer abnehmbaren Zahnspange und danach festsitzend. Inzwischen haben aussagekräftige Untersuchungen ganz klar ergeben, dass die Zweiphasenbehandlungen nur länger dauern und mehr kosten. State of the Art ist heute im späten Wechselgebiss beziehungsweise im bleibenden Gebiss die festsitzende Spange. Wenn Zähne verdreht oder gekippt sind, außerhalb der Reihe stehen oder ein Eckzahn am Gaumen durchkommt, dann geht das auch gar nicht anders.

Standard: Ist es eine Modeerscheinung, dass immer mehr Erwachsene Zahnspangen tragen?

Silli: Die Ansprüche der Menschen an ihr Wohlbefinden und ihr Aussehen haben sich wesentlich gewandelt, besonders bei Erwachsenen. Wenn ich von meiner Klientel ausgehe, sind allerdings etwa 80 Prozent der Fälle auch medizinisch erforderliche Behandlungen, zum Beispiel, weil Patienten früh Zähne verloren und nichts unternommen haben, wodurch andere Zähne gekippt sind. In den USA, wo die festsitzende Kieferorthopädie seit Langem etabliert ist, verhält es sich anders: Schon die einfachsten ästhetischen Abweichungen werden festsitzend korrigiert.

Standard: Zähne bleiben ein Leben lang beweglich. Was bedeutet das für die Zeit nach der Behandlung?

Silli: Dass man die korrigierten Zähne mithilfe eines Retainers oder einer Nachtspange in Position halten und stabilisieren muss - häufig lebenslang. Man muss Patienten von Anfang an darüber aufklären, dass zu einer guten Behandlung eine Retentionsphase dazugehört. Insgesamt ist es so, dass Menschen, die eine erfolgreiche kieferorthopädische Behandlung hinter sich haben, ein ganz anderes Hygiene- und Zahnbewusstsein besitzen. Das ist ein besonders positiver Aspekt der Kieferorthopädie, auf den viel zu selten hingewiesen wird. Wenn man einiges an Zeit, Disziplin und Geld investiert hat, achtet man auch mehr auf seine Zähne. Der regelmäßige Besuch beim Kieferorthopäden während der Behandlung erzieht zu größerem Zahnbewusstsein. (DER STANDARD, Printausgabe, 10. 4. 2006)

Das Interview führte Julia Kospach

Zur Person

Silvia Silli, geboren 1959 in Bruck/Mur, hat an der Freien Universität Berlin Zahn-, Mund- und Kieferheilkunde studiert. 1988 kam sie nach Österreich zurück, arbeitete in der Abteilung für Kieferorthopädie der Wiener Gebietskrankenkasse und absolvierte daneben ein Medizinstudium. 1993 promovierte sie und eröffnete ein Jahr späte eine eigene Praxis in Wien

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Verband Österreichischer Kieferorthopäden

  • Wunsch nach schönen Zähnen: Kieferorthopädin Silvia Silli über Zwänge, Missstände und Möglichkeiten ihres Berufsstandes
    foto: standard/heribert corn

    Wunsch nach schönen Zähnen: Kieferorthopädin Silvia Silli über Zwänge, Missstände und Möglichkeiten ihres Berufsstandes

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