Wahlkrimi geht in Verlängerung

22. April 2006, 23:05
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Erste Runde: Regierende Sozialisten vorne, vier Parteien im Parlament - Zweite Runde am 23. April, Wahlkampf bereits gestartet

Nach der Wahl ist vor der Wahl: Ungarns Parteien machen für den zweiten Wahlgang am 23. April mobil. Die regierenden Sozialisten liegen nur knapp vor Viktor Orbáns Fidesz. Eine aggressive Schlusskampagne der Parteien droht.

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Die Wahlnacht in Budapest war spannend wie ein Krimi. Zunächst hatte es nach Auszählung von zehn Prozent der Stimmen so ausgesehen, als würde die rechtskonservative Fidesz die Wahl haushoch gewinnen und Ungarn vor einer neuen Ära Viktor Orbán stehen.

Doch je später der Abend wurde und je mehr Stimmen ausgezählt waren, desto mehr verringerte sich der Abstand zwischen Orbáns Fidesz und den Sozialisten (MSZP) von Premier Ferenc Gyurcsány.

Kurz vor Mitternacht stand es dann fest: Gyurcsánys sozialistisch-liberale Regierungskoalition liegt nach der ersten Runde vorn. Sie errangen 113 Mandate im neuen Parlament, die Fidesz 97. Überraschend überwand das kleine, aber traditionsreiche Ungarische Demokratische Forum (MDF) mit seiner Spitzenkandidatin Ibolya David (53) die Fünf-Prozent-Hürde ins Parlament.

Anders als befürchtet sind auch die bisher mitregierenden Liberalen (SZDSZ) wieder im Abgeordnetenhaus vertreten. Die Sozialisten und Liberalen wollen höchstwahrscheinlich gemeinsam weiterregieren, wenn der zweite Wahlgang in zwei Wochen den Siegestrend bestätigt.

Denn die erste Runde hat noch keine Entscheidung über die künftige Kräfteverteilung gebracht. Wer die 174 noch nicht vergebenen Mandate gewinnt, entscheidet sich erst am 23. April im zweiten Wahlgang. Kandidaten, die in ihren Wahlkreisen nicht im ersten Anlauf die absolute Mehrheit erreichten, müssen nämlich nach dem komplizierten ungarischen Wahlrecht in eine Stichwahl.

Wer zuletzt lacht

Orbán, Ministerpräsident von 1998 bis 2002, strebt ein zweites Mandat an: "Wir haben eine reale Chance zum Sieg in der zweiten Runde", sagte er am späten Sonntagabend. Fidesz benötige nur noch 75 Direktmandate für den Sieg. "Jetzt kommt die zweite Halbzeit", sagte Orbán, "wer zuletzt lacht, lacht am besten."

Für Montagnachmittag rief er seine Anhänger zu einer Großdemonstration auf der Budapester Burg auf, die Sozialisten wollten sich im Zentrum versammeln. Für Orbán wäre eine Niederlage die zweite Schlappe nach der verlorenen Wahl von 2002. Falls er wieder verliert, will er seinen Rücktritt als Parteivorsitzender anbieten. Ein Nachteil für Fidesz ist zudem der Umstand, dass kein Koalitionspartner in Sicht ist, auch nicht das früher verbündete MDF. Es scheint daher wahrscheinlich, dass Fidesz jetzt eine besonders aggressive Kampagne – mit Straßenaktionen und Hausbesuchen – startet.

Sein Rivale Gyurcsány zeigte sich auch siegessicher. "Wie immer ich mir die Zahlen auch anschaue, wir haben die erste Runde gewonnen", sagte er. Der MSZP-Vorsitzende István Hiller kündigte an, seine Partei werde im nun folgenden Wahlkampffinale "noch besser durchstarten". Für die zweite Runde arbeiten SZDSZ und MSZP bereits an einer gemeinsamen Wahlkampfstrategie. Hiller sagte, er erwarte keine komplizierten Verhandlungen mit dem traditionellen Partner SZDSZ.

Ausdrücklich begrüßte Gyurcsány auch den Durchbruch des kleinen MDF, zumal Ungarns Parlament durch den Einzug von vier Parteien demokratischer werde.

Nach Angaben des zentralen Wahlbüros in Budapest sind noch 110 Direktmandate und 64 Listenplätze im Parlament zu verteilen. Für die entscheidenden Stichwahlen wirken die Chancen der Sozial-Liberalen günstiger als die der Fidesz. 56 Kandidaten der Sozialisten und fünf Kandidaten der Liberalen bekamen in ihren Kreisen in der ersten Runde die meisten Stimmen, ohne die absolute Mehrheit zu erreichen. Auf der Seite der Fidesz waren es 48. (DER STANDARD, Printausgabe, 11.4.2006)

  • Bild nicht mehr verfügbar

    Permier Ferenc Gyurcsany feiert den Wahlausgang (im Bild mit seienr Frau Klara) in Budapest.

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