"Niemand war verrückter als ich!"

    6. April 2006, 16:45
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    Gustl Starek hat seine Gegenspieler gehäkelt, sich mit dem Publikum angelegt und Schieds­richter zur Weißglut ge­bracht - ein Interview

    Oft genug hat Starek für seine Eskapaden bezahlt – mit Roten Karten und rekordverdächtigen Geldstrafen. Im Gespräch mit dem ballestererfm sprach der »Schwarze Gustl« über verspätete Reue, das Florida-Flugticket für seinen Intimfeind Skender Fani und den entblößten Hintern am Innsbrucker Tivoli.

    ballestererfm: Was macht August Starek heute? Wie schaut sein Alltag aus?

    STAREK: Ich habe ein sehr schweres Los. Wenn ich in der Früh aufstehe, muss ich mich entscheiden: Gehe ich ins Fitnessstudio oder Golfen oder Kartenspielen?

    Sind Sie dem Fußball noch in irgendeiner Art und Weise verbunden?

    In Österreich weniger. Ich bin aber des öfteren in München und wenn ich in Spanien Urlaub mache, schau ich mir Spiele der Primera Division an.

    Haben Sie Ambitionen, wieder ins Fußballgeschäft einzusteigen?

    Nein. Als Trainer sowieso nicht. Und in der Position, die für mich prädestiniert wäre, als Konsulent eines Fußballklubs, hat sich in letzter Zeit nichts ergeben. Das führe ich darauf zurück, dass die maßgeblichen Herrschaften glauben, gescheit genug zu sein, ihre Klubs gut zu führen.

    Sie haben die Öffentlichkeit durch ihr Auftreten immer polarisiert. Wie würden Sie sich selbst beschreiben?

    Ich hatte die schlechte Eigenschaft, dass ich nicht verlieren konnte. Heute bin ich gescheiter, beim Tennisspielen oder Golfen macht mir eine Niederlage nichts mehr aus. Aber für diese Einsicht ist es halt leider jetzt zu spät. Ich bin in Simmering aufgewachsen und da war der Verlierer schnell der Depp. Das ist in mir haften geblieben. In der Niederlage, oder auch wenn sie sich angebahnt hat, war ich ekelhaft. Ich habe die Schuld meistens bei meiner Umgebung gesucht, also bei Mitspielern, Gegnern und Schiedsrichtern. Ich war verbohrt und habe wegen der kleinsten Kleinigkeit herum gestritten.

    Nur schlechte Seiten dürften Sie aber nicht gehabt haben. Ernst Dokupil hat zum Beispiel einmal gesagt, der Starek belebt die Szene. Was wird er damit gemeint haben?

    Naja, wahrscheinlich war es nicht fad. Ich habe immer für Unterhaltung gesorgt. Wenn wir gewonnen haben, war eh alles gut. Wenn wir aber verloren haben, dann ist es wieder losgegangen. Auf der anderen Seite habe ich auf diese Art viele Spiele noch herum gerissen und meine Mannschaft wieder auf die Siegerstraße gebracht.

    Haben Sie diese Emotionen gebraucht, um gut Fußball spielen zu können?

    Ich denke schon, dass mich das motiviert hat. Interessanterweise vor allem, wenn wir auswärts gespielt haben und die Zuschauer ganz heftig gegen mich waren. Die Situation ist vergleichbar mit den Ringern am Heumarkt früher: Wenn da einer besonders böse war, haben die Leute gebuht und geschrieen. Mir hat das gefallen und in diese Fußstapfen bin ich getreten.

    Am Innsbrucker Tivoli haben Sie Anfang der 70er Jahre einmal die Hosen runter gelassen. Wie ist es dazu gekommen?

    Wie sooft wurde aus einer Mücke ein Elefant gemacht. Ich war nach meiner Verletzung bei Bayern München gerade zurück bei Rapid und psychisch ein bisschen angeschlagen. Bayern hatte mich für ein Jahr nach Österreich abgeschoben und dann macht ein Gegenspieler ein Foul, ich wehre mich und werde ausgeschlossen. Ich bin aber nicht in die Kabine, sondern hab mich auf die Betreuerbank gesetzt. Die Leute haben mich beschimpft und da hab’ ich überlegt, wie ich mich revanchieren kann. Mit Worten war das schlecht möglich. Also bin ich aufgestanden, hab den Hosenbund etwas gelockert und ihnen eine Arschbacke gezeigt. In den Berichten ist daraus der ganze Hintern geworden. Jedenfalls ist es zu einem Tumult gekommen. Die Leute haben noch mehr geschrieen. Das hat mir besonders gefallen, und da hab ich es halt noch einmal gemacht. Dann ist die Polizei gekommen und hat mich gebeten, wegzugehen. Hinterher hab ich es riesig bereut, wie so Vieles.

    Im aktuellen Fußball hat man oft das Gefühl, dass solche Typen fehlen. Sehen sie das auch so?

    Nein, mir imponiert der jetzige Fußball sehr. Eskapaden passieren schon deshalb weniger, weil der Fußball durch die Berichterstattung der Medien sehr transparent geworden ist. Man darf sich nichts mehr erlauben, die Kameras sehen alles, Spieler werden im Nachhinein gesperrt. Die Dinge, mit denen ich mich gewehrt habe, würden heute nicht mehr durchgehen. Aber ich finde das nicht schlecht...

    Wer waren die exzentrischsten Spieler, mit denen Sie gekickt haben?

    Eine schwierige Frage. Verrückter als ich war ja niemand. Mir sind die anderen gar nicht so aufgefallen.

    Welchen Spielertyp haben Sie verkörpert?

    Ich wollte immer Tore schießen. Ich habe bei Simmering als Halbstürmer begonnen, bei Rapid bin ich direkt in die Spitze gegangen. Wie ich als Torschützenkönig zu Nürnberg gekommen bin, hat mich Trainer Max Merkel auf einen Mittelfeldspieler umgemodelt. Ab diesem Zeitpunkt habe ich keinen richtigen Stürmer mehr gespielt, aber trotzdem immer meine Tore gemacht. Meine Mitspieler hab ich immer angestachelt. Schimpfen musste ich selten, weil kaum einer laschiert hat.

    Im Training waren Sie also nicht undiszipliniert?

    Im Gegenteil. Bei Nürnberg bin ich, um Anschluss zu finden, alleine auf den Trainingsplatz gegangen. Ich habe Sprints gemacht, weil ich Probleme mit der Schnelligkeit hatte. Ein, zwei Jahre vorher bei Rapid hat mir die Chefin von einem Café in Simmering quasi Hausverbot gegeben. Und weil ich nicht wusste, was ich mit meiner Zeit anfangen soll, bin ich nach Hütteldorf auf die Pfarrwiese und hab Bälle in die Luft und gegen die Betonwand geschossen. Am Nachmittag im Training hab ich sie dann der Reihe nach reingepfeffert. Durch diese Sonderschichten wurde ich besser.

    Welche Typen von Gegenspielern haben Sie wahnsinnig gemacht?

    Ich werde jetzt natürlich keine Namen nennen. Aber die Gegner haben schon gewusst, wie sie mich provozieren können und hatten es oft auf mich abgesehen. Schon nach wenigen Minuten hat sich einer zu mir gestellt. Der Ball war weit weg, trotzdem hat der Körperkontakt mit mir gehabt. Ich hab dann angefangen, ihn zu beschimpfen. Heute ist das kein besonderer Ausdruck mehr, aber wenn man damals gesagt hat »Bist a Woama?«, dann war das schon eine härtere Sache. Wenn ich einen guten Tag gehabt habe, hat mir der Gegenspieler wenig ausgemacht. Oft hab’ ich aber keine Lösung gefunden.

    Als Trainer haben Sie auch nicht immer einen kühlen Kopf bewahrt…

    Aber nur bei den Kontroversen mit den Schiedsrichtern. Ich war für den Verein verantwortlich, für Sieg oder Niederlage oder das Weiterkommen in einem Bewerb. Meistens hat es ganz gut geklappt, nur bei den Meistertiteln hat es halt gehapert. Da bin ich zirka so erfolgreich wie der Hansi Krankl.

    Verantwortung haben Sie einmal auf Ihre ganz eigene Art und Weise übernommen, als Sie beim GAK den Spielern die Gagen aus der eigenen Tasche vorgestreckt haben.

    Der Klub litt unter einer gewissen Geldnot und ich habe damals mit einer Spielhalle gut verdient. Ich hatte immer sehr viel Bargeld bei mir, und weil die Spieler schon ziemlich geraunzt haben, hab ich ihnen die Marie halt vorgestreckt. Das war keine besondere Leistung, und ich habe das Geld vom Klub dann auch zurückbekommen. Ich war meistens bei Vereinen mit finanziellen Problemen. Auch bei Rapid nach Krankl war die Kassa leer, da hat es zwei, drei Monate kein Geld gegeben.

    Während dieser Zeit hatten Sie ja auch den einen oder anderen legendären Auftritt im Fernsehen...

    Es war so, dass mich der Rapid-Vorstand fast täglich mit den hohen Schulden von damals 40 Millionen Schilling konfrontiert hat. Ich sollte die Spieler unter allen Umständen bei der Stange halten und eines Tages wurde ich von einer ORF-Reporterin gefragt, wie hoch die Schulden nun wirklich seien. Vier Millionen, wie Präsident Benya in der Öffentlichkeit behauptet hatte, oder 40 Millionen? Da habe ich geantwortet: »Na, eher 40.« Und wie sie mich nach den Gründen gefragt hat, habe ich gesagt, weil viele Handerln in den Töpfen waren. Ich habe damit ja nicht gemeint, dass jemand etwas gestohlen hätte, sondern dass sehr großzügig mit der Marie umgegangen wurde. Da waren zeitweise fünf Trainer am Werken. Der Krankl, der Hasil Franzi und noch drei, die in der Nase gebohrt haben. Der Skender Fani als geschäftsführender Obmann hat sich natürlich betroffen gefühlt, weil er besonders viel Geld raus geschmissen hat. Er wollte dem Krankl alles bieten, damit der Erfolg hat und er als Spielermanager mitpartizipiert. Das war eine ganz schlechte Konstellation damals.

    Stimmt es, dass Sie dem Herrn Fani ein One-Way-Ticket nach Florida zukommen ließen?

    Das war, als ihn die USA mit einer Einreisesperre belegt haben. Da wollte ich ihn sponsern, aber er hat sich gehütet, zu dieser Zeit rüber zu fahren. Umstände wie damals bei Rapid haben mich immer sehr irritiert. Ich habe mich nie allein ums Sportliche gekümmert, sondern auch um den Klub und sein Umfeld. Ich habe mich immer irrsinnig identifiziert mit meiner Arbeit. Auch bei der Austria, als mir der Joschi Walter in den Rücken gefallen ist und Spieler verpflichtet hat, die ich nicht wollte. Da hab ich zu ihm gesagt, er soll die Mannschaft selber trainieren und nach fünf Monaten fristlos gekündigt. Das hat es bei der Austria zuvor nie gegeben...

    ... damals.

    Ja, damals. Bei Sturm mit dem Kartnig war es ähnlich: jeden Tag nur Theater und Zirkus. Wir haben eine Besprechung gehabt, und am nächsten Tag ist alles in der Zeitung gestanden. Ich habe zum damaligen Sturm-Präsidenten (Kartnig war erst Vize-Präsident, Anm.) gesagt: »Den Hannes, den kann ma ned brauch’n. Der is’ destruktiv, der arbeit’ nur gegen uns.« Der Kartnig hat den Zeugwart gefragt, wie der Masseur ist und umgekehrt, hat einen gegen den anderen ausgespielt. Der Hannes ist ja so ein ganz amüsanter Kerl, aber bei solchen Leuten eck’ ich an, auch wenn es nicht zielführend ist. Vielleicht ist es auch mangelnde Intelligenz, aber meine Güte: Bin i halt dumm...

    Wie sind Sie zu Ihrem Spitznamen »Schwarzer Gustl« gekommen?

    Das hatte mit meinen Ausrastern zu tun. Aufgebracht hat den Namen der Hoyer Walter, ein Journalist, der gern gegen den Strom geschwommen ist.

    Haben Sie jemals gezählt, wie viel Geld sie dem Disziplinar-Ausschuss an Strafgeldern überwiesen haben?

    Der ÖFB hat mir einmal die Unterlagen gefaxt, ich weiß es aber nicht mehr. Begonnen hat es in den 50er-Jahren in der Jugend mit Ausschlüssen. Ausschließlich wegen Kritik – keine Fouls, keine Unsportlichkeiten, immer nur Kritik am Schiedsrichter. Dadurch, dass ich so gut war, haben meine Trainer immer darüber hinweg gesehen. Wenn ich heute im Fernsehen Spieler wegen falsch gegebener Out-Einwürfe streiten sehe, denke ich mir: »Bist du bled, i woa a so deppad wie der!« Ich führe das darauf zurück, dass ich nie einen Psychologen oder irgendjemanden gehabt habe, der mir das begreiflich hätte machen können. Beim Verband haben sie sich gefreut über das Weh, das ständig einzahlt in die Kassa. Auf der anderen Seite sind die Strafen auch dem Nachwuchs zugute gekommen. Letztendlich war es also eine unbeabsichtigte gute Tat.

    Inhalt ballesterer fm 21:

      Schwerpunkt: WAHNSINN

      ESSAY Der Wahn in Geschichte und Fußball NORMBRECHER Von Vinny Jones bis Hristo Stoitschkow EGOZENTRIKER Sanchez, Pinter, Coordes und Mourinho MACHTHABER Atletico Madrids Gil y Gil und Perugias Gaucci VOLL DANEBEN Samo Kobenters fußballverrückte Freunde

      außerdem:
      SPIELERVERMITTLER Die Headhunter des Fußballs VASTIC Die Ruhe hinter dem Sturm AUSGESPERRT Hausverbote bei der Wiener Austria BOSNIEN Zwischen Krise und Aufbruch FRANKREICH Kurvenstreit bei Paris Saint-Germain LOST GROUND Wörtherseestadion, Klagenfurt GROUNDHOPPING Der Multifan-Vater von Twente Enschede und Colo Colo in Torlaune

    Podiumsdiskussion:

      Wem gehört der Fußball? - Demokratie im kommerzialisierten Spiel

      mit Rudolf Edlinger (Rapid Wien), Peter Stöger (Austria Magna), Moritz Grobovschek (Austria Salzburg), Bernhard Hachleitner (Wiener Sportklub, Friedhofstribüne), Heidi Thaler (Fairplay) Moderation: Georg Spitaler, ballesterer fm

      Donnerstag, 6. April
      Hauptbücherei am Gürtel,
      Urban-Loritz-Platz 2a, 1070 Wien
      Veranstaltungssaal (3. Stock)

    Release-Party:

      Donnerstag, 13. April Cafe Stadtbahn (ab 20 Uhr) Gersthoferstrasse 47, 1180 Wien (Straßenbahn: Linien 9, 40, 41, 42)
    Das Gespräch führten Reinhard Krennhuber und Martin Schreiner – Fotos: Dieter Brasch
    • »Wenn ich heute im Fernsehen Spieler wegen falsch gegebener Out-Einwürfe streiten sehe, denke ich mir: Bist du bled, i woa a so deppad wie der!«
      fotos: dieter brasch

      »Wenn ich heute im Fernsehen Spieler wegen falsch gegebener Out-Einwürfe streiten sehe, denke ich mir: Bist du bled, i woa a so deppad wie der!«

    • Der ballesterer fm 21 ist ab 5. April österreichweit im gut sortierten Zeitschriftenhandel erhältlich und liegt ab 7. April auch in den größeren Bahnhofsbuchhandlung in Deutschland auf.

      Der ballesterer fm 21 ist ab 5. April österreichweit im gut sortierten Zeitschriftenhandel erhältlich und liegt ab 7. April auch in den größeren Bahnhofsbuchhandlung in Deutschland auf.

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