An jedem Finger einen eigenen Assistenten

5. Mai 2006, 18:42
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Um Schwerbehinderten ein selbstständiges Leben zu ermöglichen, brauchen sie Helfer rund um die Uhr - in Wien startet ein einschlägiges Projekt - mit Grafik

In Schweden besteht bereits gesetzlicher Anspruch auf solch "persönliche Assistenz".

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Stefan Nilsson steht vor der schwierigen Entscheidung, welches Heavy-Metal-Motiv er sich auf den Rücken tätowieren lassen soll. Auf seinen dünnen Oberarmen ist bereits kein Platz mehr für neue Tattoos. Stefan spielt leidenschaftlich gerne Schlagzeug, er besitzt eine respektable DVD-Sammlung und er reist viel, vor allem nach Spanien zieht es ihn immer wieder. Seit zwölf Jahren lebt der 34-Jährige in seiner Dreizimmerwohnung im Stockholmer Stadtteil Södermalm.

Und er braucht rund um die Uhr Betreuung. Stefan ist spastisch gelähmt - dass er trotz seiner massiven Einschränkungen ein selbstbestimmtes Leben führen kann, dafür stehen ihm seine persönlichen Assistenten zur Seite. Eine von ihnen ist Karina. Die blonde Enddreißigerin ist Stefans Tante, sie kennt ihn seit seiner Geburt und ist ihm unter anderem Dolmetsch - Stefan verständigt sich mit Lauten und seinen Augen. Karina ist jeden Dienstag von sieben bis 19 Uhr bei ihm und übernimmt zwei Nächte pro Monat seine Betreuung.

Individuelle Hilfe

Seit 1994 haben in Schweden Menschen mit schweren, dauerhaften Behinderungen einen gesetzlichen Anspruch auf persönliche Assistenz. 20 Stunden pro Woche zahlen die Kommunen, alle weiteren Betreuungskosten trägt die staatliche Sozialversicherung. Die Betroffenen haben weiters das Recht, sich ihre Assistenten frei, ganz nach ihren individuellen Ansprüchen, Wünschen und Bedürfnissen zu wählen. Derzeit gibt es 45.000 persönliche Assistenten in Schweden, rund 10.000 Menschen werden von ihnen betreut. Viele Assistenten sind Familienmitglieder wie Karina. Einem Behinderten stehen zwischen vier und zehn Assistenten zur Seite. Eine Betreuerstunde kostet zwischen 219 und 245 Kronen (rund 23 Euro).

Stefan hat sieben Assistenten. Er weiß um die Vorteile, die Verwandte wie Karina haben: Sie kennen ihn und seine Bedürfnisse seit seiner Geburt. Aber auch die Vorzüge der anderen schätzt er: "Frische neue Augen", übersetzt Karina, "sind sehr wichtig."

Subjekt statt Objekt

Die Assistenten werden von Gemeinden, Privatfirmen oder Non-Profit-Organisationen wie "Jag" vermittelt. "Unser Verein hat derzeit 370 Mitglieder und beschäftigt 2500 Assistenten", schildert Cecilia Blanck. "Jag" heißt auf Schwedisch "ich", die Buchstaben sind aber auch die Abkürzung für die schwedischen Wörter für Gleichheit, Assistenz und Integration. Wie sehr bei Jag seit der Gründung im Jahr 1992 Integration gelebt wird, zeigt die Tatsache, dass sich der achtköpfige Vorstand ausschließlich aus Menschen mit körperlichen und geistigen Behinderungen zusammensetzt. Stefan ist eines der Vorstandsmitglieder.

Jag bildet die Assistenten aus, auch ganz auf die individuellen Wünsche und Bedürfnisse zugeschnitten. Welche Kurse ihre Assistenten absolvieren sollen, bestimmen die Mitglieder von Jag.

"Wir wollen, dass die Menschen über ihr Leben selbst entscheiden können", sagt Blanck, "darüber, wann, wie oft, wobei und in welcher Form sie Assistenz wollen oder brauchen." Jedes Vereinsmitglied hat einen vom Gericht bestellten Vormund. Dessen Funktion ist aber eher die eines Beraters, der jedoch keine Entscheidungen anstelle der Betroffenen fällt.

Blanck: "Niemand soll gezwungen sein, mit seiner Familie leben zu müssen - es sei denn, er oder sie möchte es." Auch Wohnheimen steht man bei Jag ablehnend gegenüber. "Ein junger Mann, der bei uns Mitglied ist, wollte einmal mit einem Mädchen, das er mochte, ins Kino gehen", erzählt Blanck. "Als er dann am Freitagabend mit seinem Assistenten vor dem Wohnheim stand, um sie abzuholen, warteten bereits alle Bewohner des Heimes fix fertig angezogen auf den Kinobesuch, weil es nicht genug Betreuer gab und das Mädchen dadurch nicht ohne die anderen ins Kino konnte. Diese Romanze hat nicht allzu lange gedauert." (DER STANDARD-Printausgabe, 03.04.2006)

Bettina Fernsebner-Kokert aus Stockholm
  • Karina und Stefan sind gut eingespielt. 
Und der Schmäh rennt.
    foto: fernsebner

    Karina und Stefan sind gut eingespielt. Und der Schmäh rennt.

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