Sterben mit Notizblock und Kamera

4. Juli 2006, 22:12
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Pressefreiheit 2005: Im Irak werden immer mehr Journalisten ermordet - Harte Kritik vom IPI gibt es an China, aber auch an der EU - Mit Grafik

Die Leichen der Reporterin Atwar Baghadad, von Kameramann Khaled al Falahi und dem Tontechniker Adnan Khairallah wurden am 23. Februar beim Ortseingang von Samarra gefunden. Die drei Mitarbeiter des arabischen Fernsehsenders Al-Arabia waren am Vortag nach Samarra, 125 Kilometer nördlich von Bagdad, gereist, um über den Anschlag auf die Goldene Moschee der Schiiten zu berichten. Am Abend wurden sie in der Nähe der Moschee verschleppt und erschossen. "Wir wollen die Anchorfrau", schrie einer der Bewaffneten bei der Entführung.

Journalisten werden im Irak gezielt ermordet

Baghadad zählt damit zu rund 90 Journalisten, die im Irak seit der US-Invasion im März 2003 getötet wurden. Damit starben mehr Journalisten im Irak als während des ganzen Vietnamkrieges, rechnet Reporter ohne Grenzen vor. Für das in Wien ansässige International Press Institute (IPI) zeichnet sich ein weiterer erschreckender Trend ab: "Die meisten Journalisten im Irak sterben nicht weil sie ins Kreuzfeuer geraten. Sondern weil sie gezielt ermordet werden", sagte IPI-Nahostexpertin Catherine Power, am Donnerstag bei der Präsentation des World Press Freedom Review 2005 in Wien.

"Ein weiteres ausgesprochen schlechtes Jahr für die Medien"

In dem Bericht beleuchtet IPI die internationale Entwicklung der Pressefreiheit im vor allem anhand von Medienrecherchen. Fazit von Hauptautor David Dadge: "2005 war ein weiteres ausgesprochen schlechtes Jahr für die Medien."

65 Journalisten starben weltweit

2005 starben weltweit 65 Journalisten (2004: 78). Die meisten im Irak (23) und auf den Philippinen (9). Im Irak erreichte auch die Entführungswelle im vergangenen Jahr einen Höhepunkt.

Weißrussland ist schlimmster Ort für Journalisten in Europa

Die Pressefreiheit wird aber auch in weiten Teilen des Nahen Ostens, in Russland oder in Venezuela mit Füßen getreten. Der schlimmste Ort für Journalisten in Europa ist laut IPI Weißrussland.

China: Kapitalismus Ja, Menschenrechte Nein

Harte Kritik übt IPI an China. Wie in Singapur gelte auch in China: Kapitalismus Ja, Menschenrechte Nein. Nirgends seien so viele Journalisten inhaftiert wie in der Volksrepublik. Erschreckend ist für Dadge dabei vor allem, dass es westliche Politiker aus wirtschaftlichen Überlegungen heraus nicht wagen, in China offen über Menschenrechte zu sprechen.

IPI kritisiert auch die EU. Nach dem Streit rund um die Mohammed-Karikaturen hätte die EU die Pressefreiheit zu wenig betont.

EU-Verhaltenskodex

Auch ein Strategie-Papier der EU-Kommission von September 2005 erzürnt IPI. In dem Dokument empfiehlt die Kommission den Medien, einen Verhaltenskodex zu erstellen, damit keine Propaganda verbreitet wird, die zu Terrorismus verleiten könnte. "Die EU sagt damit, Medien könnten Menschen zu Terroristen machen", sagt Studienautor Dadge vom IPI, "Das ist ein Weg, der zur Selbstzensur führt." (András Szigetvari/DER STANDARD, Printausgabe, 31.3.2006)

Link

Bericht auf der IPI-Homepage freemedia.at.

  • Pressefreiheit 2005.
    grafik: standard

    Pressefreiheit 2005.

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