Thoramantel zurückgegeben

28. März 2006, 18:44
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Stadt Wien gab den Kultgegenstand, der 1938 vor Zerstörung gerettet werden konnte, in New York an Erben zurück

Wien/New York - Die Stadt Wien hat einen historischen Thoramantel an die Erben der Stifterin zurückgegeben. Der Kultgegenstand konnte in der Progromnacht im November 1938 vor der Zerstörung bewahrt werden. Er war zuletzt Teil der Sammlung des Jüdischen Museums. Dort haben ihn die Nachkommen der Stifterin durch Zufall entdeckt. Nun wurde der Thoramantel in New York vom Wiener Kulturstadtrat Andreas Mailath-Pokorny (S) an die Erben übergeben.

Thoramantel bisher im Jüdischen Museum

Der Thoramantel wurde im Jahr 1919 von Miriam Wesel im Andenken an die Errettung ihres Mannes aus dem Ersten Weltkrieg dem damaligen Bethaus "Marpe Lanefesch" in Wien-Leopoldstadt gestiftet. Ein Teil der Gegenstände aus Wiener Synagogen und Bethäusern konnte nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten vor der Zerstörung bewahrt werden. So auch der Thoramantel, der in weiterer Folge vom Kunstsammler Max Berger erworben wurde. Nach dem Ankauf der Sammlung Berger durch die Stadt Wien gelangte der Thoramantel ins Jüdische Museum.

Erst vor wenigen Jahren entdeckten ihn dort die heute in New York lebenden Nachkommen der Stifterin. In Folge bemühten sie sich um die Rückgabe des Ritualgegenstandes, um ihn in der von ihnen gegründeten Synagoge "Adas Yereim - The Viener Kehila" wieder seinem ursprünglichen Zweck zuzuführen. Ein Restitutionsfall war das Objekt nie - trotzdem beschloss der Kulturausschuss des Wiener Gemeinderats eine Schenkung an die Erben. In einem Thoramantel, der häufig mit wertvollen Stickereien verziert ist, wird die Thora aufbewahrt.

Übergabe in Manhattan

Die feierliche Übergabe durch Mailath-Pokorny fand in Anwesenheit von 35 Mitgliedern der Familie Bauer-Wesel im Büro des Gouverneurs von New York State, George E. Pataki, in Manhattan statt. "Mit der Übergabe dieses Ritualgegenstandes wird ein Stück Wiener jüdischer Kultur an die nachkommenden Generationen in den USA weitergereicht", betonte der Wiener Kulturstadtrat am Dienstag in einer Aussendung.

Die Stadt Wien habe sich zur Rückgabe von Kunst- und Kulturgegenständen, die während der Nazizeit geraubt wurden, verpflichtet, und betreibe seit sechs Jahren über das Gesetz hinausgehend intensive Recherche und aktive Erbensuche, so Mailath-Pokorny. Mittlerweile seien bereits rund 25.000 fragliche Erwerbungen untersucht und 5.000 Objekte restituiert worden. Beim Thoramantel "Bauer-Wesel" handle es sich zwar nicht um eine Restitution im klassischen Sinn: "Die Rückgabe des Ritualgegenstandes an die Familie hat jedoch einen hohen symbolischen Wert", betonte der Ressortchef. (APA)

Nachlese

Sechs Jahre Betteln um einen Torahmantel
Ein Beispiel für die Wiener Restitutionspraxis
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