Letscho mit Reis

27. März 2006, 18:56
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David Maayan liefert Nachschub am "Familientisch" im (und ums) Schauspielhaus

Wien – Menschen irren in Gruppen gesinnungseinig durch die nächtlichen Gassen, tragen Wimpel oder Stirnlampen und tun vor Passanten so, als wäre das ihre ganz normale Abendgestaltung. Dabei ist es recht ungewöhnliches, wenn auch nicht gerade neu erfundenes Theater: Das Schauspielhaus schickt sein Publikum derzeit nämlich, kaum da, schon wieder fort. Das Theaterprojekt Familientisch von David Maayan – eine Fortsetzung der letztjährigen Festwochenkoproduktion – dehnt den "Erfahrungsraum" über die Saalgrenzen aus.

Sieben Publikumsgruppen strömen im Windschatten des jeweils anführenden Schauspielers oder der Schauspielerin aus und nehmen an Häuserecken und in Geschäftslokalen, am Trottoir oder in Parkanlagen auf, was sie dort Biografisches erfahren: David Wurawa zum Beispiel wurde in Simbabwe geboren. In seinem Rundgang annektiert er die Straßen rund um den Bauernfeldplatz als simbabwische Heimat.

Und so heißt es dann vorm Zebrastreifen in der Porzellangasse: "Jetzt müssen wir einen Fluss überqueren!" (Ein Nilpferd führt die Truppe als Vollholzskulptur im Gepäck.) Wurawa legt sich auf ein Skateboard und kreuzt mit hastigen Tempi in Bodennähe die Straßenbahnschienen, die Gruppe folgt (gehend) entlang eines gespannten Seiles. Bei der Strudelhofstiege, die hier erklärtermaßen den Zugang zu einem Einkaufstempel in der Hauptstadt Harare abgibt, stellt er nach, wie seine Mutter vom weißen Türsteher praktisch grundlos geschlagen wurde. Später wird er Mangosaft ausschenken und von den herrlichen Mangorezepten seiner Oma schwärmen. Der zweite Teil des Abends betreibt mit einer Familienzusammenführung am gedeckten Tisch im Schauspielhaus allzu schwerfällig Emotionalisierung. Inbrünstige Lieder, groteske Figurensoli und immer wieder Letscho mit Reis umwerben das Publikum zum Mitfühlen in einer schwierigen Weltgemeinschaft von Serbien bis Singapur. Blicke werden dabei nicht geschärft, aber Mägen gefüllt, und der Gemeinschaftssinn wird für den einen oder anderen auf eine harte Probe gestellt. (DER STANDARD, Printausgabe, 28.3.2006)

Von Margarete Affenzeller
  • Eine der "Familiengeschichten" mit David Wurawa
    foto: schauspielhaus /nick mangafas

    Eine der "Familiengeschichten" mit David Wurawa

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