"Der Charakter in meinem Gesicht..."

16. November 2006, 15:50
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Alkohol und Kunst: Eine kleine Betrachtung zum Stellenwert hochgeistiger Getränke unter berühmten Männern

Ob Whisky, Rum, Wodka, Gin, Schnaps oder Absinth – die kreativen Köpfe der Literatur bedienten sich überall auf der Welt ausgiebig der die Phantasie beflügelnden, hochprozentigen Drinks. Dass es dabei nicht immer so gesittet zuging, wie wir es von uns selber gewohnt sind, liegt wohl in der Natur der Sache, der Drinks also, denen die Männer – und darum handelt es sich in den meisten, nein, eigentlich in allen Fällen – gern und ausgiebig zugesprochen haben. Wir befassen uns hier schon allein aus Grùnden der Pietät vor allem mit einem Club der toten Dichter, weil diese die Wahrheit vermutlich einfach besser ertragen.

Bücher und Alkohol

"Können Sie mir fünf amerikanische Autoren seit Poe nennen, die nicht an Trunksucht gestorben sind?" Dieses Zitat von Sinclair Lewis stellt Donald W. Goodwin seinem Buch "Alkohol & Autor" voran. Goodwin fragt zunächst, warum es interessanter sein soll, sich mit dem Alkoholismus von Schriftstellern zu beschäftigen als mit dem Trinkverhalten von Maurern, Ärzten oder jeder beliebigen anderen Berufsgruppe. Für sich selbst findet er eine einfache Erklärung: "Bücher und Alkohol entdeckte ich etwa im gleichen Alter: mit sieben." Diese Verbindung war prägend für sein Leben. Goodwin machte eine ungewöhnliche Karriere als Literaturwissenschaftler, Journalist und Psychiater mit dem Spezialgebiet Alkoholismusforschung.

Frauen neigen weniger zur Trunksucht

Statistiken zufolge sind Schriftsteller nach Barkeepern die Berufsgruppe, die am häufigsten von der Todesursache der Leberzirrhose - eine Erkrankung, die zumeist auf Alkoholmißbrauch zurückgeht - betroffen ist. Unter den amerikanischen Literaturnobelpreisträgern macht Goodwin sogar einen Alkoholikeranteil von über 70 Prozent aus. Die ersten beiden Preisträger, Sinclair Lewis und Eugene O'Neill, waren starke Alkoholiker. Pearl S. Buck trank wenig. Goodwin führt als Argument an, daß Frauen weniger zur Trunksucht neigen. Es folgten William Faulkner und Ernest Hemingway - beide starke und bekennende Alkoholiker. Der nächste Preisträger, John Steinbeck, war Goodwin zufolge ein Grenzfall zwischen starkem Trinker und Alkoholiker.

Dichterische Inspiration: "... neunundneunzig Prozent Whisky und ein Prozent Schweiß."

Interessant scheint in unserem Zusammenhang, was William Faulkner ùber seine Arbeitsweise notierte: "Die chemische Analyse der sogenannten dichterischen Inspiration ergibt neunundneunzig Prozent Whisky und ein Prozent Schweiß." Dass er auf diesem Gebiet nicht ganz allein dastand, kann auch bei Maxim Gorki nachgelesen werden. Der russische Dichterfùrst notierte, als er als politischer Flüchtling auf Capri lebte: ‚Ich habe die alkoholischen Getränke aller Länder versucht. Nicht deshalb, weil ich von Natur aus ein Säufer bin, sondern weil der Mensch eine Möglichkeit haben muss, sich auszuleben. Ich trank solche Riesenmengen, dass sogar Engländer kamen, um mich anzustaunen. Fasziniert beobachteten sie mich, dann zuckten sie lächelnd die Achseln. Das gefiel ihnen ungemein, hier sahen sie einen gewaltigen Trinker! Es verlohnte sich, für so einen Kerl Gin und Whisky zu trennen! Einer von ihnen fragte mich: ‚Sagen Sie, Mr. Gorki, haben Sie es schon probiert, in Whisky zu baden?’“

Nach Möglichkeit beste Qualität

Bei Schnaps hatten sich auch Joseph Roth und sein Verleger Gustav Kiepenheuer zusammengefunden. Bei schlechtem Schnaps, wie Roth zu bemerken nicht verabsäumt. Bücher, Artikel und Reiseberichte entstanden in seinen Hotelzimmern oder in Cafés und Nachtlokalen, wo er „im Flimmerlicht bunter rotierender Glaskugeln seine Cognacs und Gins trank. Nachts konnte er stundenlang mit einem durch die Straßen bummeln, reden und schweigen, in eine Bar einkehren, eine Kleinigkeit verzehren und etwas mehr trinken. Dann verschwand er, die Schultern ein wenig hochgezogen unter seinem braunen, lose hängenden Mäntelchen und mit seinen unmodernen engen Franz-Josef-Hosen hinter seiner Hoteltür“, notierte Gustav Kiepenheuer.

Roth trank alles Starke, nach Möglichkeit beste Qualität, war er aber schlecht bei Kasse, was nur zu oft vorkam, dann begnügte er sich mit billigem Marc, dem französischen Tresterbrandwein. Stefan Zweig redete Roth brieflich des Öfteren ins Gewissen, seinen übermäßigen Alkoholkonsum zumindest auf ein vernünftiges Maß zu beschränken. In philosophischer Gelassenheit erwiderte Roth: „Machen Sie sich bitte um mein Trinken gar keine Sorgen. Es konserviert mich viel eher, als dass es mich ruiniert. Ich will damit sagen, dass der Alkohol zwar das Leben verkürzt, aber den unmittelbaren Tod verhindert. (...) Ich versetze gewissermaßen die letzten 20 Jahre meines Lebens beim Alkohol, weil ich noch sieben oder 14 Tage Leben damit gewinnen muss.“

Das grüne Gift der Eitelkeit

„Komm, Wein rollt auf den Strand,
Millionenflut als Land!
Von allen Bergen rinnt
Likör und rein Absinth.“

Dieses Gedicht stammt von dem damals noch sehr jungen Arthur Rimbaud. Weiter heisst es:

„Mein Durst kennt keine Grenzen mehr.
Ich will das Meer!
Nur einmal gab ich einem Dichter nach
Und trank mit ihm, bis er daran zerbrach
Das grüne Gift der Eitelkeit ...“

Für Henri de Toulouse-Lautrec, südfranzösischer Aristokrat, verkrüppelt, zwergisch klein, ein totaler Außenseiter, wurde der Schnaps zum Inspirationselexier. Sein alkoholisches Repertoire, das nun vom abscheulichsten, „Vitriol“ genannten Fusel bis zu den besten Cognac- und Armagnac-Marken reicht, hat einige Fixpunkte, zum Beispiel Wermouth mit Gin à la Toulouse-Lautrec. „Das trinkt man aus einem Seidel, halb Gin, halb Wermouth“, sagt er und versichert: Man mache sich „keine Sorge um den Kopf, der Wermouth hebt die Wirkung des Gin auf.“

Absinth, das grünäugige Ungeheuer

Dass viel Absinth auch durch die Kehlen der Bewohner von Dublin floss, wird in James Joyces Roman „Ulysses“ thematisiert. Über Bloom, einen der Protagonisten, heißt es dort: „Er weiß nicht, was er redet. Hat ein bisschen über den Durst getrunken. Absinth, das grünäugige Ungeheuer.“ Joyces Lieblingsgetränk Absinth wurde auch von Edgar Allan Poe und Oscar Wilde sehr geschätzt. Allerdings, notierten Robert Habs und Leopold Rosner in ihrem 1894 erschienenen „Appetit-Lexikone: „Was als Absinth geschenkt wird, ist in Wahrheit nur gefärbter und mit Pfeffer, Schwefelsäure, Kupfervitriol und anderm Teufelszeug versetzter Kartoffelschnaps, dessen fortgesetzter Genuss allerdings zum Säuferwahnsinn führen muss.“

Im Sommer 1906 übersiedelte Joyce nach Rom, wo er der Obhut seines Bruders entkommen konnte. In Rom nutzte Joyce seine neue Freiheit und begann, den Großteil seines Einkommens in Cafés und Kneipen auszugeben. Seinem Bruder schrieb er zwar, dass der Wein in Rom ein „kümmerliches Gesöff“ sei, das „wie Wasser“ schmecke, was ihn aber nicht daran hinderte, sich regelmäßig zu betrinken.

Joyce bekannte sich stets zu seinem Alkoholismus

Selbst als Joyces ständige Betrunkenheit wieder einmal dazu führte, dass er samt Frau und Kind auf die Straße gesetzt wurde, schränkte er seinen Alkoholkonsum nicht ein. So wie es aussah, schien sich die Prophezeiung seines Dubliner Freundes John Francis Byrne, Joyce würde auf dem Kontinent als Trinker enden, zu bestätigen.

Joyce selbst bekannte sich stets zu seinem Alkoholismus und nach den Aufzeichnungen seiner Tochter Lucia soll er sich in Zürich dem Psychoanalytiker C.G. Jung mit den Worten vorgestellt haben: „Ein Mensch mit geringen Vorzügen, dem Alkoholismus zugeneigt.“ Er selbst machte nie ein Hehl daraus, dass eines seiner Lebensprinzipien lautete: „Ei ja, warum nicht lustig sein, Whisky trinken, Bier und Wein“.

Stanislaus Joyce notierte im Herbst 1903, dass sich sein Bruder James „zur Zeit als Wein- und Likörkoster betätigt“ und stellte fest, dass sein Bruder auf dem besten Wege war, „die Straße der Ausschweifung in voller Karriere dahinzugaloppieren“. James Joyce antwortete: „Die Straße der Ausschweifung führt zum Palast der Weisheit.“

Mozart, Casanova, Engels und der Punsch

Und dann ist da noch – das sollten wir in einem Jahr wie diesem nicht ganz beiseite lassen – Wolfgang Amadeus Mozart. Mozart trank hàufig und gerne Punsch. „Zu Mozarts Zeit war Punsch ein ausgesprochenes Modegetränk, das in Kaffeehäusern ebenso genossen wurde wie auf Bällen,“ schreibt Kurt Palm in seinem heiteren Buch ùber das genussvolle Leben unseres National-Komponisten.

„Den Punsch kennen gelernt hat Mozart im September 1764 in England. (...) Während man in England den Punsch seit Ende des 17. Jahrhunderts kannte, wurde er im übrigen Europa erst nach dem siebenjährigen Krieg ‚salonfähig’. Hier spielte der Punsch bald auch als ‚Gesellschaftsgetränk’ eine wichtige Rolle, wie etwa Giacomo Casanovas ausführlichen Schilderungen seiner erotischen Gelage zu entnehmen ist. Als Casanova Ende 1770 in Rom zwei junge Frauen namens Emilio und Armellina kennen lernte, zog er sich einmal während des Karnevals mit den beiden in das Separée eines Gasthauses zurück, wo sie zur Vorspeise 50 Austern aßen und zwei Flaschen Champagner tranken, ehe sie sich Punsch bestellten. Casanova schreibt: ‚Ich ließ Zitronen, eine Flasche Rum, Zucker, eine große Schale und heißes Wasser bringen und alles zusammen mit den zweiten 50 Austern auf den Tisch stellen. Dann schickte ich den Kellner fort. Ich bereitete einen guten Punsch, den ich durch eine Flasche Champagner spritzig machte. Nachdem wir fünf oder sechs Austern gegessen und Punsch getrunken hatten, über den die beiden Mädchen laut jubelten, so gut schmeckte ihnen dieses Getränk, verfiel ich darauf, Emilia zu bitten, sie solle mir mit ihren Lippen eine Auster in den Mund schieben. (...) Mit diesem schönen Spiel aßen wir die übrigen Austern und leerten dazu weitere Gläser Punsch.’“

Auch Wissenschaftler und Revolutionäre - nicht die reinen Abstinenzler

Kurt Palm schliesst an diese Betrachtungen noch einen weiteren Absatz an, dem zu entnehmen ist, dass auch Wissenschaftler und Revolutionäre nicht die reinen Abstinenzler waren: „Dass sich spàter auch Anhänger des dialektischen Materialismus das eine oder andere Glas Punsch gönnten, zeigt ein Brief, den Friedrich Engels am 20. November 1839 an seinen Freund, den Pfarrer Wilhelm Graeber, richtete: ‚Jetzt will ich Hegel studieren bei einem Glase Punsch.’ Auf diese Weise fiel es Engels – und vermutlich auch Karl Marx – leichter, Hegel vom Kopf auf die Füße zu stellen, was ja ein dezidiertes Ziel der beiden Begründer des wissenschaftlichen Sozialismus war.“

Dass hochprozenige Drinks auch viel zur charakterlichen Auspràgung berùhmter Mànner beigetragen haben, wollen wir zum guten Ende auch noch festhalten. Humphrey Bogart, quasi ein Inbegriff der Mànnlichkeit, stellte dazu fest: "Was ich habe, ist Charakter in meinem Gesicht. Es hat mich eine Masse langer Nächte und Drinks gekostet, das hinzukriegen."

 „Das Lied der Whiskyberauschten“

Und als Ausklang noch ein Gedicht von Joachim Ringelnatz: „Das Lied der Whiskyberauschten“

„Wir sind betrunken wie die Wellen
Im Stillen Ozean.
Das hat uns armen Gesellen
Der Whisky angetan.
Wir glotzen in das Leben
Wie ein gekochter Fisch.
Wenn wir uns jetzt erheben
Liegen wir unter dem Tisch.“

Von Vene Maier

Literatur

Palm, Kurt:
Der Brechreiz eines Hottentotten: Ein James-Joyce-Alphabet von Aal bis Zahl.
Löcker-Verlag
Wien 2003

Palm, Kurt:
Der Wolfgang ist fett und wohlauf.
Löcker-Verlag
Wien 2005

Martin, Gunther:
Wo Scharfes sich und Mildes paaren – oder: Brevier von den edlen Schnàpsen.
Paul Neff-Verlag
1971
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    Humphrey Bogart: "Was ich habe, ist Charakter in meinem Gesicht. Es hat mich eine Masse langer Nächte und Drinks gekostet, das hinzukriegen."

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    Wolfgang Amadeus Mozart trank häufig und gerne Punsch.

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