Süden Österreichs konnte Sonnenfinsternis erspähen

25. März 2006, 20:00
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Partielle Eklipse in Mitteleuropa, vollstän­dige Verdunkelung über Teilen der Türkei - hunderte Menschen aus Angst vor "Erdbeben-Zeichen" geflohen

Wien - Im Westen Österreichs ging die heutige partielle Sonnenfinsternis auf Grund der Wolkendecke über weite Strecken von Menschen unbeobachtet vonstatten. Ganz gute Bedingungen herrschten dagegen im Süden, in der Steiermark und in Kärnten riss die Wolkendecken zwischendurch immer wieder auf und erlaubte einen klaren Blick auf die verdunkelte Sonne.

Vereinzelte sonnige Phasen erlaubten auch über Teilen Ober- und Niederösterreichs kurzfristig freie Sicht. Zwar nicht klar, aber dennoch zu sehen war die Sonnenfinsternis über Wien. Eine dünne Wolkendecke ließ den Mondschatten an der unteren Sonnenhälfte erahnen.

Regionen mit völliger Verdunkelung

Handelte es sich in Österreich nur um eine partielle Eklipse, konnten hunderttausende Menschen von Brasilien bis zur Mongolei das seltene Schauspiel einer totalen Sonnenfinsternis mitverfolgen. Zehntausende Touristen fanden sich an der türkischen Mittelmeerküste ein, um das Naturschauspiel zu verfolgen. In Side bauten die Astronomen der US-Weltraumbehörde NASA ihre Teleskope auf, um die Finsternis live übertragen zu können.

Die totale Sonnenfinsternis begann im Osten Brasiliens. Dann raste der so genannte Kernschatten über den Atlantik und traf in Afrika in Ghana wieder auf festes Land. Über Nigeria und Niger war der Kurs weiter Richtung Ägypten und Türkei, bevor der Schatten weiter zum Schwarzen Meer, nach Georgien, Russland, Kasachstan und zur Grenze der Mongolei wandern sollte.

Sonnenfinsternisse: Entstehung und (langes) Warten auf die nächste

Sowohl die Erde, als auch der Mond werfen lange, konische Schatten in den Weltraum. Tritt einer in den Schatten des anderen, sind bei entsprechend günstiger Position auf der Erde die Auswirkungen zu beobachten, Sonne oder Mond verdunkeln sich teilweise oder vollständig. Bei einer Sonnenfinsternis steht der Mond zwischen Erde und Sonne. Damit der Schatten des Mondes auf Teile der Erde fallen kann, müssen sich Sonne, Mond und Erde genau auf einer Linie befinden.

Kernschattenzone

Je nach dem Grad der Abdeckung des Sonnenlichtes durch den Mond gibt es eine totale oder partielle Sonnenfinsternis. Nur bei einer totalen Finsternis, wenn der Mond die Sonne völlig verdeckt, wird es im betreffenden Gebiet wirklich finster. Diese so genannte Kernschattenzone ist vergleichsweise schmal, je nach Entfernung des Mondes ist der Streifen maximal 300 Kilometer breit. Bei sehr großer Entfernung Erde-Mond schafft es der Mond im Falle einer Finsternis nicht, die Sonne für einen irdischen Betrachter völlig zu verdecken, in diesem Fall sehen wir eine so genannte ringförmige Sonnenfinsternis.

Die nächste totale Sonnenfinsternis berechneten Astronomen für den 1. August 2008 über Kanada, Grönland, Sibirien, der Mongolei und China. In Österreich muss man auf ein derartiges Himmelsschauspiel bis 2081 warten.

>>> Türkei: Flucht aus Angst vor scheinbarer Verknüpfung von Sonnenfinsternis und Erbeben

In der Türkei sind mehrere hundert Menschen aus ihren Häusern geflohen, weil sie Angst hatten, dass die Sonnenfinsternis ein schweres Erdbeben auslösen könnte. Die Panik habe schon vor Wochen begonnen, als es erste Warnungen vor einem Beben der Stärke 6,8 bis 7,2 gegeben habe, sagte der Vize-Bürgermeister der zentralanatolischen Stadt Niksar, Abdullah Yildiz.

Behörden und Erdbebenexperten hätten die Bürger am Dienstag noch einmal bei einer Informationsveranstaltung darüber aufgeklärt, dass es keinen Zusammenhang zwischen der Sonnenfinsternis und einem Erdbeben gebe, sagte Yildiz.

Einige verängstigte Bürger von Niksar sind aus Angst vor einem Erdbeben in Zelte umgezogen, andere haben die Gegend ganz verlassen. Wenige Tage nach der bisher letzten Sonnenfinsternis in der Türkei im August 1999 hatte es ein schweres Erdbeben gegeben, bei dem 20.000 Menschen starben.

"Gott ist groß" und Aufrufe zur Beruhigung

Mit lauten "Gott ist groß"-Rufen haben Muslime in Nigeria Mittwoch früh den Beginn der totalen Sonnenfinsternis begrüßt. Vier Minuten lang war das seltene Naturschauspiel in den nördlichen Bundesstaaten zu sehen. Viele Nigerianer deuteten die Sonnenfinsternis als ein "Zeichen Gottes", manche flüchteten aus Angst in ihre Häuser. "Warum ist sie in Nigeria zu sehen, wenn es nicht eine Strafe für unsere Sünden ist?", sagte Musa Abubakar aus Kaduna.

Die nigerianische Regierung hatte in den vergangenen Tagen im staatlichen Rundfunk die Bevölkerung zur Ruhe aufgerufen und über das Naturphänomen aufgeklärt. Bei der vorangegangenen Sonnenfinsternis in Nigeria 1989 war es zu religiösen Ausschreitungen fanatischer Muslime gekommen, die mehrere Kirchen anzündeten. Damals kamen 28 Menschen ums Leben.

Auch im westafrikanischen Ghana verdunkelte sich die Sonne für mehrere Minuten. Einige Händler versuchten, Geschäfte mit den Spezialbrillen zu machen, deren Preis sich kurz vor dem Naturphänomen auf 2,20 Dollar (rund 1,80 Euro) verdoppelte.

>>> Mythen rund um Sonnen- und Mondfinsternisse

So nüchtern und selbstverständlich wie heute Sonnen- und Mondfinsternisse von den meisten Menschen als astronomische Erscheinungen gesehen werden, wurden derlei Ereignisse nicht immer betrachtet. Speziell ohne Kenntnis der Ursache war das unerwartete Verschwinden der Leben spendenden Sonne in der Geschichte ein Angst einflößendes Ereignis. Vielfach ist überliefert, dass etwa Machthaber die Kenntnisse von Astronomen nutzten, um mit ihren Vorhersagen andere Menschen zu beeindrucken.

Speziell Sonnenfinsternisse waren aber auch Inspirationen für Künstler. So beschrieb Adalbert Stifter die totale Verdunkelung des Jahres 1842 als "das Holdeste", was er je an Lichteinwirkung gesehen habe. Er schildert in einem Aufsatz: "Farben, die nie ein Auge gesehen, schweiften durch den Himmel. Ich war von Schauer und Erhabenheit so erschüttert, es war als hätte Gott ein deutliches Wort gesprochen und ich hätte es verstanden."

Rossegger

Die Beschreibungen der Ereignisse weichen in den verschiedenen literarischen Zeugnissen kaum voneinander ab: "Der Glanz des Himmels erlöscht und ein finsterer Schatten legt sich auf die Erde", schreibt der steirische Dichter Peter Rossegger im Jahre 1887. Die Temperatur kühle schlagartig ab, es ziehe Wind auf und die Tiere verstummten. Rings um den Mondrand tauche kurz die feurige Sonnenkorona auf, bevor es vollkommen dunkel werde.

Elisabeth Vreede, die erste Leiterin der mathematisch-astronomischen Sektion am Goetheanum, beschreibt das Ende der Finsternis im Jahr 1936: "Blitzartig waren Korona, Venus und die Dunkelheit verschwunden und auf den Hängen sahen wir ein Spiel von wellenartigen Schatten." Stifter über die Eindrücke danach: "Nach dem Verstummen des Schrecks geschahen unartikulierte Laute der Bewunderung und des Staunens."

Ein schlechtes Zeichen ...

Schon beim Tode Christi soll sich die Sonne verdunkelt haben, heißt es im Lukasevangelium. Livius berichtet das selbe vom Tod Cäsars. Von vielen Herrschern wurde die Verdunkelung als schlechtes Zeichen gewertet - sie mussten es schließlich wissen, da sie ja den Himmelsgöttern angeblich am nächsten standen. Der abergläubische Ludwig I. starb im Jahr 840 nach Beobachtung einer Sonnenfinsternis.

Eine ähnliche Wirkung, positiv wie negativ, wird auch Mondfinsternissen nachgesagt: Christoph Kolumbus konnte 1504 die Gunst der Einheimischen auf Jamaika erlangen, indem er eine derartige Himmelserscheinung voraussagte. Einer Mondfinsternis ist auch der Untergang Athens im Peloponnesischen Krieg zuzuschreiben, da die Athener wegen dieser den Rückzug um ein Monat verschoben. Im 15. Jahrhundert konnten türkische Belagerer die Stadt Byzanz einnehmen, da die christlichen Verteidiger die Verdunkelung als unheilvolles Zeichen des Himmels ansahen. (APA/red)

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    Sonnenfinsternis über Spittal an der Drau

    Link

    Animation und weitere Bilder der Eklipse auf der EUMETSAT-Website

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    NASA-Bild der Eklipse über der türkischen Mittelmeerregion

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    In der Großaufnahme der beginnenden Eklipse sind zwei Protuberanzen zu erkennen

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