Als die Bilder am Handy laufen lernten

28. März 2006, 18:24
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Mitte 2007 sollte es auch in Österreich so weit sein: Fernschauen am Handy mit bis zu 25 Programmen - Doch das ist erst der Anfang

Mitte 2007 sollte es auch in Österreich so weit sein: Fernschauen am Handy mit bis zu 25 Programmen. Doch das ist erst der Anfang. Eine Studie prophezeit den Betreibern rosige Marktchancen.

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Erst die gute Nachricht: Genervte Benützer öffentlicher Verkehrsmittel dürfen aufatmen. Die Zahl lautstarker Handytelefonie in Straßen-und U-Bahnen könnte sich in absehbarer Zeit drastisch verringern. Und jetzt die schlechte: Statt eines persönlichen Gesprächs wird sich ein Gutteil der Passagiere auch weiterhin dem Mobiltelefon zuwenden. Denn ungefähr ab Mitte 2007 sollte auch Österreich so weit sein, wovon die Branche schon seit Langem träumt. Laufende Bilder im Kleinstformat: Handy-TV.

Märkte testen

"Ein Quantensprung in der Mediennutzung", schwärmt etwa Otto Petrovic, Chef des Grazer Forschungszentrums Evolaris, "wir müssen nicht mehr ins Wohnzimmer gehen, um fernzusehen - das Fernsehen kommt zu uns. Das ist keine Kleinigkeit."

Bis es so so weit ist, wollen Märkte und Technologie ausgetestet sein. Zu diesem Zweck gab Österreichs Rundfunkbehörde RTR eine Studie bei Evolaris in Auftrag, die Erfahrungsberichte aus Ländern auswertete, in denen Handy-TV bereits im Einsatz ist. Untersucht wurden Systeme in 17 verschiedenen Ländern, darunter Australien, England, Frankreich oder Finnland. Vorweg: Der Minifernseher kommt an.

Innerhalb der nächsten drei Jahre sieht Petrovic drei Entwicklungsschritte: Phase eins werde "Handy-TV als Lückenmedium" bringen. Das heißt: Fußballmatches in der Straßenbahn oder Kurznachrichten im Wartezimmer. Vollprogramm bleibe eher Ausnahme, wahrscheinlicher seien eigens produzierte Kurzprogramme. In Südkorea erfreue sich etwa eine fünfminütige Handy-Soap großer Beliebtheit.

Dass sich "Dancing Stars" im Kleinstformat durchsetzen wird, glaubt auch ORF-Finanzdirektor Alexander Wrabetz nicht. "Eigene Nutzungen" kann er sich aber gut vorstellen: "Wir entwickeln bereits Programme, die maßgeschneidert sind für den mobilen Gebrauch."

In Phase zwei bilde sich die Community: Wenn das Handy als Festplattenrekorder einsetzbar sei - man also Sendungen speichern könne -, müssten diese auch zu versenden sein: Musikclips kann sich Petrovic da gut vorstellen.

Phase drei und "überraschend spät" bringe interaktive Video-on-Demand-Services. "Gleichzeitig Pferderennen schauen und wetten" nennt Petrovic als Beispiel.

Zwei Übertragungsstandards sind laut Studie gebräuchlich: DMB (Digital Multimedia Broadcasting) und DVB-H (Digital Video Broadcast for Handhelds). Letzterer habe nach Auswertung der Daten in Österreich die größten Chancen, bestätigt RTR-Chef Alfred Grinschgl: "Die Leistungsfähigkeit ist einfach höher."

Über DMB könne man vier Kanäle senden, über DVB-H hingegen bis zu 25. Das ist, nebenbei, auch der Grund, warum bereits im Einsatz befindliche UMTS-Handys von A1 und 3 im Vergleich zu den digital verbreiteten Standards das Nachsehen haben: Sollte die Zahl mobiler Fernsehfans wirklich steigen, reichen deren Kapazitäten nicht aus.

ORF 1 und ORF 2 gratis

Nächste Frage: Wie viel darf TV am Handy kosten? Zwischen fünf und zehn Euro pro Monat, erhob Evolaris. Geplant ist eine Pauschale, kein Stückpreis. ORF 1 und ORF 2 werde man umsonst sehen können, verspricht Wrabetz. Unklar ist aber, wie sich Mobil- und Rundfunkbetreiber den Kuchen aufteilen wollen.

Bei den Frequenzen fürchtet der ORF allerdings um seine Pfründen: In der EU gebe es Tendenzen, die neuen Frequenzbündel nicht als Rundfunkfrequenzen, sondern als solche für mobile Dienste zu versteigern. Dann hätten die kapitalstärkeren Mobilfunker wahrscheinlich die Nase vorn. Wrabetz: "Eine große Gefahr."

Ebenfalls nicht völlig geklärt ist die Frage der Rechte. Wobei für Grinschgl klar ist: "Die Senderechte hält derjenige, der sie anbietet." Das wären die Rundfunkbetreiber.

Dass die Substrate einschlagen werden, wie das Patschenkino selbst, glaubt Grinschgl allerdings nicht: "Wir sprechen von Zielgruppen von fünf bis 15 Prozent in drei Jahren." In denen sich in der Mediennutzung einiges verändern wird, fürchtet Wrabetz: "Wenn das so weitergeht, stellt sich bald die Frage: Ist das ein Fernseher, ein Handy oder ein Backofen?" (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 22.3.2006)

Von Doris Priesching
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    grafik: der standard
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