Das erste Zwischenzeugnis für Merkel

21. März 2006, 18:56
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Die Wahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sind auch ein Stimmungstest für Berlin

Ein Fünftel der Deutschen wählt am Sonntag einen neuen Landtag. Die Wahlen in Baden-Württemberg, Rheinland-Pfalz und Sachsen-Anhalt sind auch ein Stimmungstest für Berlin. Birgit Baumann berichtet.

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Fünfzehn junge Menschen der Jungen Union stehen - so adrett aufgereiht wie einst das Fernsehballett - auf der Bühne im Bürgerhaus Linkenheim und halten orange Schilder hoch. "Günther" steht drauf und das "Ü" ist ein lächelnder Smiley. Doch das will nicht ganz zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg passen. Mit ernster Miene hat sich Günther Oettinger hinter einem Stehpult verschanzt, obwohl er dem Wahlvolk nur Gutes zu berichten hat.

Früher, da seien die Menschen verzweifelt aus dem armen Ländle ins ferne Amerika geflohen, heute aber könne Baden-Württemberg jedes Jahr 30.000 Einwohner mehr verzeichnen. "Das liegt an der guten Luft und am guten Wein", sagt Oettinger in einem Anflug von Lockerheit, um denn gleich wieder ein paar Zahlen zu referieren: Bayern hat 8,6 Prozent Arbeitslose - "nicht schlecht". Aber an der ersten Stelle liegt mittlerweile Baden-Württemberg mit 7,2 Prozent, während die Arbeitslosigkeit in ganz Deutschland 12,2 Prozent beträgt. Wohliges Gemurmel im Auditorium.

Überhaupt Berlin - dort erwartet die Regierung 1,4 Prozent Wirtschaftswachstum. In Baden-Württemberg aber - wo man sich rühmt, alles zu können außer Hochdeutsch - zwei Prozent, "also fast so gut wie Österreich", sagt Oettinger. Auch bei der Bildung liege das Ländle ganz vorn. Oettinger: "Bei uns brechen nur 6,7 Prozent der Hauptschüler ab, in Berlin aber 36 Prozent." Da graut es den Anwesenden hörbar, doch der Ministerpräsident beruhigt: "In fünf Ländern und im Bund wurde Rot-Grün abgewählt, da kann ich mir nicht vorstellen, dass die ausgerechnet bei uns ein Comeback feiern."

Damit trifft er genau das Problem von Ute Vogt. Die 41-jährige Spitzenfrau der SPD tritt schon zum zweiten Mal bei einer Landtagswahl an, aber sie hat erneut keine Chance bei all den guten Wirtschaftsdaten Baden-Württembergs. Obwohl Oettinger sein Amt erst vor einem Jahr Erwin Teufel abgetrotzt hat und die persönlichen Werte des manchmal etwas hölzern wirkenden 52-Jährigen noch bescheiden sind, haben die Baden-Württemberger auch nach 53 Jahren noch nicht von der CDU genug.

Oettinger wird also weiterhin geräuschlos mit der FDP regieren. In manchen Umfragen liegt die CDU sogar bei der absoluten Mehrheit, was Oettingers Selbstbewusstsein gegenüber Berlin nicht gerade schmälert: "Die Autorität von Angela Merkel wird deutlich gestärkt, wenn die CDU in Baden-Württemberg gut abschneidet."

Noch schöner wäre es natürlich, wenn die CDU auch im benachbarten Rheinland-Pfalz gewönne, sagen viele Konservative. Schließlich waren dort vor 1991 Bernhard Vogel und Helmut Kohl an der Macht. Aber in Mainz ist es wie in Stuttgart - nur mit umgekehrten Vorzeichen: CDU-Herausforderer Christoph Böhr (52) hat keine Chance gegen "Landesvater" Kurt Beck (SPD). Und das ist auch gut so, raunt es da und dort in der Union. Verliert die SPD in ihrer letzten West-Bastion den Ministerpräsidenten, werden die frustrierten Genossen im Bund womöglich völlig unberechenbar. Laut Umfragen wird es dazu nicht kommen, die SPD kann wieder mit der FDP koalieren.

Fleischwurst für alle

Auch Beck kann der guten Wirtschaftsdaten wegen dem Superwahlsonntag gelassen entgegensehen. Das Land liegt bei den relevanten Zahlen über dem Bundesdurchschnitt. "Rheinland-Pfalz ist der große Aufsteiger unter den Ländern, und die Bayern überholen wir auch noch", freut sich Beck. Er ist der letzte Volkstribun der SPD und einen Großteil des Erfolges verdankt die SPD ihm. Kommt Beck in eine Halle, grüßt er in alle Richtungen und nimmt die Menschen gleich für sich ein. Er sagt leicht verständliche Sätze wie: "Wir haben die Jugendlichen von der Straße geholt" und "Wer viel schafft, der darf auch gut essen".

Dazu verteilt der gelernte Elektromechaniker bei Wahlkampfauftritten schon mal Fleischwurst, was seinem CDU-Konkurrenten nie einfiele. Der promovierte Philosoph isst lieber beim Italiener. (DER STANDARD, Printausgabe, 22.3.2006)

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    Angela Merkel und Günther Öttinger beim CDU-Wahlkampfauftakt in Baden-Württemberg.

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