Die Veteranen sind müde

20. März 2006, 20:09
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Harald Friedl erkundet in seinem Dokumentarfilm "Aus der Zeit" traditionelle Wiener Einzelhandels-Unternehmen

Die Knopfkönigin wandert in ihrem Geschäft im Kreise und hadert mit ihrem Schicksal. Kaum Kunden, der Ehemann, dessentwegen es sie einst in den Laden verschlug, ist wegen Krankheit aus dem Berufsleben ausgeschieden. "Nicht mehr in dieses Geschäft gehen müssen" - das ist ihr größter Wunsch, und manchmal werden Wünsche auch erfüllt.

Die Knopfkönigin ist eine Filmfigur vom Zuschnitt einer Fassbinder-Heldin. Nur hat sie kein Regisseur, sondern das Leben geformt: In Harald Friedls Dokumentarfilm "Aus der Zeit" ist ihr Geschäft eines von vier ehemals florierenden Einzelhandelsunternehmen, deren Inhaber die Kamera beobachtet. Das Ehepaar Jentsch gehört auch dazu.

Sie fühle sich, sagt die alte Frau des Lederwarenhändlers, wie ein Soldat an einer Front, von der es keine Ablöse gibt. Wie viele andere Sätze in diesem behutsamen, diskreten Film fällt auch dieser ganz beiläufig. Die kleinen, mehr oder weniger entrückten Welten, die das Filmteam mitten in Wien entdeckt hat, lassen sich durch dessen Anwesenheit offenbar kaum irritieren. Die Personen gehen ihrer Arbeit nach, und diese Arbeit hat sie auch geprägt.

Scheinbar umstandslos fällt der alte Drogist in freundlichen Smalltalk, wenn eine Kundin den Laden betritt. Unmittelbar vorher hat ihn die Erinnerung an bessere Tage noch zu Tränen gerührt. Beobachtungen wie diese prägen den Film ebenso wie der langsame Rhythmus von routinierten Verrichtungen und Leerläufen. Am Ende haben einige - darunter auch das Fleischerehepaar Fritz - ihre Arbeit für immer eingestellt. Für die Tragödin aus dem Knopffachgeschäft ist dies ein Happyend. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2006)

Von Isabella Reicher

22. 3., 20.00, UCI Annenhof 7; Wh: 26. 3., 11.00, Schubert 1

  • Kurze Ruhepause für einen, der "nicht loslassen kann"
    foto: diagonale

    Kurze Ruhepause für einen, der "nicht loslassen kann"

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