"Österreich am Beginn einer neuen Zuwanderungswelle"

20. März 2006, 17:39
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Die Zuwanderung dürfte bis 2020 weiter ansteigen. Wifo-Expertin Gudrun Biffl plädiert für die Anwerbung von hoch qualifizierten Arbeitsmigranten

Wien – Die Zuwanderungsdynamik gewinnt seit 1997 kontinuierlich an Bedeutung. Derzeit liegt die Nettozuwanderung nach Österreich bei 40.000 bis 45.000 Personen pro Jahr. Und Wifo-Migrationsexpertin Gudrun Biffl sagt: "Die Anzeichen mehren sich, dass wir am Beginn einer neuen Zuwanderungswelle stehen, die einerseits eine Folge der vermehrten Zuwanderung aus den alten und neuen EU-Mitgliedsländern ist, zum Teil aber auch aus weiter entfernten Herkunftsregionen bestückt wird."

Es sei zwar kein so massiver Schub wie Ende der 80er-Jahre, Anfang der 90er-Jahre nach dem Fall des eisernen Vorhanges zu erwarten, eher eine "stetige Zuwanderungswelle". Aber selbst ein mögliches Abflachen der Zuwanderung aus den neuen Erweiterungsländern dürfte durch Migranten aus Bulgarien, Rumänien ab 2007 oder Bürgern aus Ländern Ex-Jugoslawiens, die später EU-Mitgliedsländer werden, "mehr als kompensiert werden".

In einer Studie für das Innenministerium, die dem STANDARD vorliegt, schreibt Biffl: "Es wird erwartet, dass die Zuwanderung infolge der Osterweiterung zumindest bis zum Jahr 2020 auf dem Niveau der letzten Jahre bleiben wird." Außerdem sei kurz- bis mittelfristig eine verstärkte Zuwanderung im Rahmen des Familiennachzugs zu erwarten. "Damit dürfte das potenzielle Arbeitskräfteangebot in Österreich mittel- bis längerfristig weiter expansiv sein", so die Studienautorin.

Daher sei unterm Strich bei der Gewährung von befristeten Beschäftigungsbewilligungen für Drittstaatsangehörige "Zurückhaltung" geboten. "Nur im höheren Qualifikationsbereich kann einer Ausweitung des Arbeitskräfteangebots das Wort gesprochen werden", sagt die Expertin.

Höhere Qualifikation

Sie plädiert dabei auf ein Punktesystem, mit welchem in Anlehnung an erfolgreiche Modelle in Australien oder Kanada die Steuerung der Zuwanderung nach Qualifikation oder Alter möglich wird. Über das derzeitige Verfahren der Schlüsselkraftquoten, bei dem von den Migranten bestimmte Einkommensgrenzen überschritten werden müssen, bekomme man lediglich ältere Arbeitskräfte innerhalb von bestimmten Konzernbedürfnissen ins Land, nicht aber junge, gut ausgebildete Leute mit bestimmten Spezial qualifikationen "direkt von der Uni". In der ersten Jahreshälfte 2005 erhielten gerade einmal 288 Schlüsselarbeitskräfte eine Erstniederlassungsbewilligung in Österreich (nach 311 im Vorjahr).

Zurzeit arbeiten die meisten Ausländer im Tourismus und in der Land- und Forstwirtschaft, meist im niedrigqualifizierten Bereich. Die stärkere Dynamik kommt seit Juni 2004 aus den alten EU-Mitgliedsländern, insbesondere Deutschland. Ein rückläufige Dynamik wird aus der Türkei verzeichnet. Die Branchenstruktur der Ausländerbeschäftigung hat sich kaum verändert. Mit Ausnahme der Textil- und der Chemischen Industrie hat der Ausländeranteil an der Beschäftigung in allen Brachen zugenommen. (Michael Bachner, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 21.3.2006)

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