Fragen und Antworten zu der jüngsten Welle von Sozialprotesten

20. März 2006, 09:15
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Wer sind die Demonstranten in Frankreich, was sind ihre Anliegen?

Frage: Steht Frankreich vor einem neuen "Mai'68"?

Antwort: Nein. Die Studenten kämpfen nicht mehr für gesellschaftliche Utopien, sondern gegen deren Verlust - das heißt gegen den grassierenden Sozialabbau, so etwa die Beibehaltung des Kündigungsschutzes am Arbeitsplatz.

Frage: Demonstrieren Studenten und Gewerkschaften miteinander ?

Antwort: Nur bei einzelnen Demonstrationen. Ihnen allen geht es zwar um den sozialen Schutz. Aber gleichzeitig vertreten die Studenten meist Berufseinsteiger in die Privatwirtschaft, die Gewerkschaften eher Beamte mit lebenslangem Kündigungsschutz.

Frage: Besteht jetzt ein Zusammenhang zu den Herbstkrawallen in den Vorstädten?

Antwort: Ja. Die Gewaltausbrüche und Proteste zeigen, wie stark der Druck von außen (Einwanderung, Globalisierung) auf das Sozialmodell geworden ist - und wie reformunfähig dieses Modell offenbar ist.

Frage: Ziehen die Einwanderer-Jugendlichen am gleichen Strang wie die Studenten?

Antwort: Nur zum Teil. Das neue Kündigungsrecht ist vor allem gedacht für unqualifizierte Berufseinsteiger, die meist aus der Banlieue stammen. Bekämpft wird es mehrheitlich von Uni-Absolventen.

Frage: Wer wird als Sieger aus dem Sozialkonflikt hervorgehen?

Antwort: Niemand. Die Studenten schneiden sich ins eigene Fleisch, wenn sie eine Reform zur Bekämpfung der Jugendarbeitslosigkeit stürzen. Premier de Villepin sieht seine Chancen bei den Präsidentschaftswahlen 2007 bereits geschmälert. Wichtige Reformen haben bis dahin ohnehin keine Chancen mehr. (DER STANDARD, Printausgabe, 20.03.2006)

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