Nächste Haltestelle Kunst

10. Mai 2005, 16:10

Kunst fährt ab! Das Stockholmer U-Bahn Netz ist eine weit verzweigte Untergrund-Galerie. Die Kunstwerke sind die Stationen selbst

Nächste Station Solna Centrum. Ein Idyll grüner Nadelwälder taucht auf. Dann einige Sport-Fans mit samtigen Elchgeweihmützen am Kopf. Aussteigen? Besser nicht. Aber wenn doch, dann eher schon wegen der Dinge, die Herrn Karl-Olaf Björk und Anders Aberg auf ihre Kappe genommen haben. Apokalyptische Visionen hatten sich die beiden schwedischen Künstler für die Stockholmer U-Bahn-Station "Solna Centrum" ausgedacht.

Einen Himmel etwa, der lichterloh und knallig rot über den Kiefern brennt, und der den vorbeirollenden Stadtmenschen vom Ende der ewig weiten nordischen Wälder erzählt. Kleine Elks und große Volvos grasen an den bemalten U-Bahnwänden, fressen sich durch die Müllberge im Forst. Bloß von Nils Holgerson fehlt jede Spur, er ist längst weitergezogen.

Die Station "Solna Centrum" ist populär, weil sie hinsichtlich ihrer künstlerischen Ausgestaltung umstritten ist. Kein bisschen problematisch war hingegen das Kunstkonzept rund um das lokale U-Bahn-Netz der "Tunnelbana", mit dem Stockholm bereits in den 70er-Jahren für die längste Underground-Galerie der Welt sorgte.

Sinnliches, Monumentales und Provokantes zwischen Fahrscheinentwerter und Notbremse, all dies prägt bis heute die bislang 20 "überarbeiteten" U-Bahn-Stationen. Kein gemeinsames formales Konzept, sondern die individuelle Handschrift der daran Beteiligten charakterisieren die sehr unterschiedlich gestalteten Stationen bis heute: Als mittelalterlich anmutendes Laubgewölbe hellblau gefärbter Grotten oder als gesellschaftskritisches Rollbild ziehen die Wandflächen nun an den rollenden Museumspassagieren vorbei - und das um ein mickriges Einfachticket nach, sagen wir, Akalla. Leidensstationen von Mann und Frau prägen hier die Analyse des Rollenbildes der Geschlechter.

Ob sich die Menschen auf dem ockerfarbenen Hintergrund der Gewölbefresken finden oder doch lieber verlieren, überlässt die Künstlerin Birgit Stahl-Nyberg dem Urteilsvermögen der wartenden Fahrgäste, die hier, als zeitweilige Verbannte im Untergrund, ausreichende Muße zur Betrachtung der sechs zusammenhängenden Monumentalbilder aufbringen können. Eine Station später, in Radhuset, fällt hingegen das zarte Licht leicht dekadenter Märchengrotten aufs Auge. Puderrosa wurden die alten Gewölbe hier überzogen, und die obligaten Falten des zerknitterten Verputzes erinnern an greisenhafte Hinterbacken. Beeindruckendes und stämmiges Detail inmitten der rosafarbenen Stationskosmetik ist eine in den Fels integrierte Säule, welche das ganze Gewölbe zu tragen scheint.

Doch der scheinbare "Atlas" der Station Radhuset entpuppt sich bei näherer Kenntnis als frühkapitalistisches Wahrzeichen - verbirgt sich in ihm doch der verkleidete Unterbau eines Fabrikschornsteins, der als Fundstück aus der Pionierzeit des U-Bahnbaus hier überdauern konnte. Eigens hierher gekarrt wurde hingegen ein Schlossportal aus dem 17. Jahrhundert - die U-Bahn saust unmittelbar darunter durch. Originell und mit mühelos rosaroter Grundstimmung behaftet, war aber auch die Vorgeschichte zur Gestaltung dieser Station. Alles was Künstler Sigvard Olson zur Wettbewerbs-Ausschreibung einsandte, war eine französische Puderdose. Ihre Spielerei mit den bürokratischen Vorschriften trieben auch Enno Hallek und Ake Pallarp, die Gestalter der Station Stadion.

Sie verwandelten die Vorschrift über die anzuwendenden Laufmeter an Streckmetall einfach in dekorative Elemente: Bunte Wegweiser, ein großer Regenbogen an der Decke, metallene Mauerblümchen an den Schachtwänden - flugs waren die Auflagen erfüllt. Im Laufe der Jahre wurden die zunächst nur zögerlich begonnenen U-Kunstobjekte immer umfassender. Folgten ältere Stationen noch der reinen Röhrenästhetik mit ihren konventionell glatten Oberflächen, so sollte die Gestaltung später auch den nackten Fels der Stockholmer Graniteingeweide freilegen. Am spektakulärsten gelang dies bei der bis heute eindrucksvollsten Station T-Centralen. Eine rund sieben Millimeter dicke Schicht Spritzbeton glättet hier den unregelmäßigen, nackten Felsen, maskiert und entblößt zugleich die Scheu vor der unbearbeiteten, geomorphen Oberfläche.

Seither wuchern hellblaue romantische Blattranken im Stockholmer Untergrund, und umwuchern die unregelmäßigen Säulen und Bögen der Station. Und Rapunzel? Kommt am besten direkt aus der schwarzen Röhre auf uns zu. Robert Haidinger

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