Tanztrash-Helden gegen Elben-Barbies

24. März 2006, 12:20
posten

Volksopern- Staatsopernballett mit "Nicht nur Mozart" und das Festival "imagetanz"

Wien - Gegenwärtige Kunst kann "modern" sein oder zeitgenössisch, spekulativ oder experimentell, trendy und trashig. Trashträchtige Blüten gänzlich konträrer Gegenwartsauffassungen am Beispiel Tanz zeigen zurzeit die Wiener Volksoper mit der Ballettpremiere Nicht nur Mozart und das Künstlerhaustheater mit dem Festival imagetanz 2006.

Das Wiener Opernballett gibt einen Gefälligkeitsabend für die diskret charmante Bourgeoisie wie als Persiflage auf die Deleuze'sche Ansage von Wiederholung und Differenz. Denn Nicht nur Mozart ist lediglich eine Adaption des Vierteilers Choreographische Welten, der 2003 noch unter Renato Zanella vorgestellt wurde. Von diesem behielt Neoballettdirektor Gyula Harangozó bei gleicher Struktur die beiden Petitessen Petite Mort und Sechs Tänze von Jirí Kylián. William Forsythes Slingerland pas de deux allerdings wurde durch Tabula Rasa des 28-jährigen András Lukács ersetzt. Und Delcroix' Silence sans reproche durch Mokka von Myriam Naisy.

Leiden mit "Ken"

Harangozó hat bereits vergangenen Herbst mit Ivan Cavallaris jenseitigen Tschaikowski-Impressionen seine Vorstellung von Gegenwärtigkeit im Ballett dargelegt, die er nun mit dem Überkleben der Größe Forsythe weiterführt. Lukács lässt eine erschütternd ernste Esoterikgruppe aus mit weißen Gardinen halbverhängten Barbies und Kens wie gedopt durch ein bleiches Elbennirwana schweben. Wenig überraschend stinkt dabei die choreografische Glätte des stolzen Harangozó-Preisträgers neben Kyliáns raffinierten Bewegungen ab. Und in Naisys Mokka tanzen ein paar Leute zu Paolo Contes Stimmobers ein paar Kaffeesorten durch. Sonst passiert nichts.

Schon Kyliáns Kleinigkeiten wirken wie - edel arrangierter - Schrott, bei Lukács und Naisy erscheint trashige Naivität als unüberblickbarer künstlerischer Tellerrand.

Wille zum Trash

Dass es auch eine beabsichtigte Form von Trash in der jungen experimentellen Choreografie gibt, dokumentiert das imagetanz-Festival im Künstlerhaustheater. Dort glänzten Krõõt Juurak und Nada Gambier in einem famosen Doppelabend mit gezielter Mülligkeit. Juurak zog in der Erstfassung ihres Projekts Once Upon einen Bogen von Livespiel über Hörspiel zur Videoerzählchoreografie: feinsinnig und fantastisch, witzig und mit zwingender Nüchternheit. Gambier führte in Confessions - the Autopsy of a Performance eine Frauenfigur in einer performativen Parforcetour durch die Niederungen des Künstlerdaseins im Gegenwartstanz.

Ähnlich diskursiv angelegten Trash boten die Estin Kaja Kann und die Wiener Formation visualartsproyektil. All diesen Arbeiten gemeinsam ist der bewusste Einsatz des Beiläufigen und Lapidaren. Damit reagiert die dem Ballett entgegengesetzte avancierte Seite der Gegenwartschoreografie heute zunehmend auf die anschwellenden Bocksgesänge der neoliberalen Spektakelkirche. (DER STANDARD, Printausgabe vom 18./19.3.2006)

Von
Helmut Ploebst
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Der diskrete Charme der Tanztradition: das Volksopern-Staatsopernballett in "Nicht nur Mozart".

Share if you care.