Märchenheldin auf der Couch

27. März 2006, 15:59
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Von "Rotkäppchen" zu "Red Hot": ORF und ProSieben laden zur "Märchenstunde" – ein Fall für die Psychotherapie

"Es war einmal eine kleine süße Dirn, die hatte jedermann lieb, der sie nur ansah, am allerliebsten aber ihre Großmutter, die wusste gar nicht, was sie alles dem Kind geben sollte."

So steht's geschrieben im Märchenbuch der Brüder Grimm, bevor das Schicksal seinen Lauf nimmt, das "zarte, junge Mädchen" vom rechten Weg abkommt und in Omas Schlafgemach den bösen Wolf vorfindet. Der Rest ist bekannt.

Wundersame Welt

"Im Märchen geht es oft gar wundersam zu und her", weiß die Schweizer Psychotherapeutin Verena Kast. Märchentherapie gilt seit Langem als anerkannte Disziplin zur Behandlung unterschiedlichster psychischer Störungen, etwa von Angstneurosen.

Vier Märchen interpretieren Pro Sieben und ORF ab kommenden Montag, 20.15 Uhr, neu: In der Tradition von TV-Comedian Bully Herbig (Der Schuh des Manitu, (T)Raumschiffsic! Surprise) steht am Beginn eine neue, für Therapiezwecke schlüssige Rotkäppchen-Version.

In ihrem Buch "Märchen als Therapie" (dtv) versteht Kast nämlich Rotkäppchen unter dem Aspekt "naives Opfer – hinterhältiger Aggressor": "Die Beziehung zwischen den Geschlechtern als Vergewaltigung." Damit das Märchen Lösungswege aufzeichnen könne, müsse es "umgeschrieben werden", rät Kast.

Naiver Provinztrampel

Bitte sehr: In der von Pro Sieben und ORF produzierten Märchenstunde wächst Rotkäppchen (Julia Stinshoff) am kommenden Montag zum Auftakt als naiver Provinztrampel bei hoffnungslos vertrottelten Eltern auf.

Rotkäppchens Großmutter säuft, ihr Verehrer Jäger Jörg leidet buchstäblich unter Ladehemmung. Mit dem Traum von der eigenen Gesangskarriere geht die "süße Dirn" in den Wald, trifft auf den bösen Wolf (Christian Tramitz) – ein notgeiler Musikproduzent – und tut sich mit ihm zusammen.

Rot wie die Liebe

"In neueren Varianten werden Anstrengungen unternommen, Wolf und Rotkäppchen zu versöhnen", schreibt Kast. Tiefenpsychologisch ist das TV-Märchen somit nur korrekt: "Bedenkt man, dass Rot die Farbe der Liebesgöttin ist, dann heißt das auch, dass Rotkäppchen sich langsam von der Mutter lösen und in die Welt des Eros hineinwachsen muss." Insofern käme der Wolf nur gelegen.

Die Faszination am Triebhaften hält allerdings nicht lange an: Schließlich muss die Welt von einem bösen Finanzminister (Heinz Hoenig) befreit werden, damit der König (Karl Dall!) in Ruhe regieren kann. Vom Elternhaus hat sich die Heldin abgelöst, vom weiblichen Entwicklungsschub profitiert letztlich auch Jäger Jörg.

Comedy als Therapie?

Ob die launigen TV-Märchen künftig zur Psychotherapie eingesetzt werden, bleibt vorerst abzuwarten. Immerhin: Märchen stünden für die Flucht vor dem "Realitätsdruck", schreibt Kast. Fernsehproduzenten dürfte dergleichen bekannt vorkommen. (Doris Priesching/DER STANDARD; Printausgabe, 18.3.2006)

"Magic Monday" ab Montag, 20. März, 20.15 Uhr in ORF 1 und ProSieben
  • Rotkäppchen und der böse Wolf
    foto: orf

    Rotkäppchen und der böse Wolf

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