Üppiges Österreichbild

24. März 2006, 12:39
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Großausstellung "Opera Austria – Brüchige Perspektiven. Kunst im Herzen Europas" im Centro Pecci bei Florenz

Im Centro Pecci in Prato bei Florenz wird die bisher größte Schau österreichischer Gegenwartskunst gezeigt: "Opera Austria – Brüchige Perspektiven. Kunst im Herzen Europas".


Prato – Sie baumeln an Schläuchen und werden von Pumpen beatmet. Einmal hängt ihr transparenter Silikonkörper schlaff von den Holzrahmen, dann sind sie rundlich und prall und ihre blauen Babyaugen blicken irritierend in jene des Besuchers. Die Installation Intensiv Care der Multimedienkünstlerin Fatima Bornemissza gehört zu den überzeugendsten Exponaten der Großausstellung Opera Austria in Prato bei Florenz.

Es sind die jüngsten Künstlerinnen, die mit bemerkenswerten Arbeiten auf sich aufmerksam machen. Während Bornemissza (geboren 1978) den Grenzen der Körperlichkeit nachspürt, demonstriert die in Wien lebende Koreanerin Yonsook (1981) mit ihren dekorativen Arbeiten aus buntem Stoff und Pappmaché ironische Distanz.

Die Geometrien von Esther Stocker (1974) verwirren ebenso wie die tiefgründigen Installationen von Heidrun Sandbichler (1970) an den Schnittlinien von Religion und Naturwissenschaft. Die Kuratoren Christoph Bertsch, Silvia Höller und Stefano Pezzato haben es sich nicht leicht gemacht. In der bisher umfangreichsten Ausstellung österreichischer Gegenwartskunst in Italien wollten sie "spannende Querverbindungen ermöglichen, vielschichtige Horizonte entfalten und ein Beziehungsgefüge entstehen lassen".

Fünf führende Künstler der mittleren Generation sind in Prato mit eigenen Sälen vertreten: Valie Export, Flatz, Gerwald Rockenschaub, Lois und Franziska Weinberger und Erwin Wurm zeigen eine Werkauswahl. Im Hof des Museums hat Weinberger die Aluminiumcontainer seiner Fahrbaren Landschaft geparkt. Gleich am Eingang präsentiert sich Flatz hinter einem unscheinbaren Kruzifix in großen Leuchtkästen als blutverschmierter, gekreuzigter Superstar.

Rockenschaub sorgt mit einer Rauminstallation aus 85 Plexiglaskuben für Transparenz. In eigens konzipierten Exponaten stellen die fünf Künstler Querverbindungen zu prominenten Vertretern der Moderne her. Erwin Wurm lässt die klaren Konturen des Hauses Moller von Adolf Loos zu einem schwammigen fat house gerinnen, Valie Export macht auf die Wiener Hollywoodschönheit Hedy Lamarr aufmerksam, Flatz nimmt Bezug auf Egger-Lienz und auf Hubert Lanzingers berühmtes Hitler-Bild, Lois und Franziska Weinberger beschäftigen sich mit dem Karl-Marx-Hof.

Kunstuniversität Linz

Ergänzt wird diese Verbindungslinie durch eine Auswahl wichtiger fotografischer Arbeiten von Raoul Hausmann über Ernst Haas und Trude Fleischmann bis hin Ernst Caramelle. Die von den Kuratoren entworfene Zeitachse endet in Opera Austria mit den Werken von 13 jüngeren Künstlern und Künstlerinnen und den Video- und Filmarbeiten von zwölf Absolventen der Kunstuniversität Linz. Ingmar Alges großformatige Ölbilder demonstrieren die trostlose Beklemmung gewöhnlicher Siedlungshäuser.

David Moises zeigt in suggestiven Bildern den Feuerstrahl seines selbst gebastelten Jetbikes, Rainer Ganahl fährt – noch gefährlicher – auf einem gewöhnlichen Rad gegen Teherans chaotischen Einbahnverkehr. Markus Wilfling versucht, die Bodenbegrenzung des Raums und die Sehgewohnheiten der Betrachter mit besonders zugeschnittenen Badewannen zu überlisten. Das Interesse des Publikums übertraf schon am Eröffnungswochenende alle Erwartungen. Die vom österreichischen Kulturforum in Rom veranstaltete Ausstellung Opera Austria – Brüchige Perspektiven. Kunst im Herzen Europas bleibt bis 28. 5. geöffnet. Der Katalog ist im Skarabaeus Verlag erschienen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17.3.2006)

Von
Gerhard Mumelter
  • Flatz präsentiert sich hinter einem unscheinbaren Kruzifix in großen Leuchtkästen als blutverschmierter, gekreuzigter Superstar.
    foto: flatz/katalog

    Flatz präsentiert sich hinter einem unscheinbaren Kruzifix in großen Leuchtkästen als blutverschmierter, gekreuzigter Superstar.

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