"Milosevic wurde in Den Haag ermordet"

13. März 2006, 18:48

Nach dem überraschenden Tod des ehemaligen serbischen und jugoslawischen Staatschefs schießen in Serbien die Verschwörungstheorien ins Kraut

"Ermordet", "Den Haag tötete Milosevic", "Tod vor dem Urteil", so titelten am Sonntag die serbischen Blätter. Vor allem die Todesursache des ehemaligen Präsidenten Serbiens und Jugoslawiens löste wilde Spekulationen aus. Slobodan Milosevic habe am Tag vor seinem Tod die Befürchtung geäußert, dass man ihn vergiften wollte, und den Schutz der russischen Regierung gefordert, erklärte sein Rechtsvertreter, Zdenko Tomanovic, und goss Öl ins Feuer der in Serbien so beliebten Verschwörungstheorien.

"Der Präsident der Sozialistischen Partei Serbiens (SPS), Slobodan Milosevic, wurde am Samstag in Den Haag ermordet", erklärte feierlich auch Ivica Dacic, ein hoher Funktionär der SPS, die die serbische Minderheitsregierung unterstützt. Milosevic habe ein Herzleiden und einen sehr hohen Blutdruck gehabt, weshalb der Prozess 15-mal unterbrochen werden musste. Das Tribunal sei direkt für seinen Tod verantwortlich, meinte Dacic.

Behandlung verweigert

Denn obwohl ein internationales Ärzteteam seinen Gesundheitszustand als lebensgefährlich bezeichnete, sei Milosevic eine Behandlung in einem für Herzkrankheiten spezialisierten Krankenhaus in Moskau verweigert worden. Und zwar trotz der Garantien, die die russische Regierung für ihn offiziell abgelegt habe. TV-Sender zeigten wiederholt, wie sich der sichtlich erschöpfte Milosevic vor seinen Richtern vergebens über seinen Gesundheitszustand beschwerte.

Die ohnehin schlechte Stimmung gegenüber dem UNO-Tribunal verwandelte sich in Serbien nach der Todesnachricht in offene Feindseligkeit. Früher sprach man von einer "politischen, gegen Serbien gerichteten Institution". Jetzt spricht man von einer "Todesanstalt", in der bisher ausschließlich Serben gestorben seien. Vor Milosevic seien es drei gewesen, erinnert die Tageszeitung Politika. Erst vor einer Woche hatte Milan Babic, ehemaliger Präsident der Republik "Srpska Krajina" in Kroatien, in seiner Zelle Selbstmord begangen.

"Doppelte Standards"

Selbst moderate Politiker, die sich entschieden für die Zusammenarbeit mit dem Tribunal einsetzen, kritisierten seine "doppelten Standards" und "kontraproduktive politische Ungeschicklichkeit", die die Kluft in der Wahrnehmung der internationalen Gerechtigkeit zwischen Serbien und Europa vergrößern. Staatschef Svetozar Marovic sprach von einer fraglichen "moralischen Autorität" des Tribunals.

Während der Vorsitzende der in Serbien mit Abstand stärksten, ultranationalistischen "Serbischen Radikalen Partei" (SRS), Vojislav Seselj, seit drei Jahren in U-Haft auf seinen Prozess wartet, darf der ebenfalls vor dem Tribunal wegen Kriegsverbrechen angeklagte Ex-Premier des Kosovo und ehemalige Kommandant der albanischen Kosovo-Befreiungsarmee, Ramush Haradinaj, nicht nur auf seinen Prozessbeginn auf freiem Fuß warten, sondern sich auch politisch einsetzen, hieß es in serbische Medien.

Der "historische Prozess" gegen Milosevic hat in Serbien nicht den erhofften Prozess der Vergangenheitsbewältigung ausgelöst, sind sich Analytiker einig. Das Experiment, einen Staatschef wegen Völkermord zu verurteilen, sei mit dem vorzeitigen Tod Milosevics gescheitert. So spaltet er auch nach seinem Tod die Serben: Für die einen ist er ein "Totengräber Serbiens", für die anderen ein Held. Ohne Urteil, rein technisch als ein Schuldloser gestorben, könnte Milosevic als Märtyrer, der "für Volk und Vaterland" sein Leben opferte, seinen Platz im serbischen Mythos finden.

Serbiens Premier Vojislav Kostunica bringt Milosevic' Tod in eine gefährliche Lage. Wenn der wegen Kriegsverbrechen angeklagte bosnisch-serbische General Ratko Mlaldic nicht bis zum Monatsende dem Tribunal ausgeliefert wird, droht die EU den europäischen Integrationsprozess Serbiens zu suspendieren. In der gegenwärtigen Stimmung scheint dies fast unmöglich. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2006)

Andrej Ivanji aus Belgrad
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