Abhörskandal erfasst Geheimdienst

21. März 2006, 16:21
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Staatsanwaltschaft sucht Hintermänner

Die wichtigsten Personen der Handlung sind Tick, Trick und Track. Doch das Drehbuch stammt nicht von Walt Disney. Vielleicht hätte dessen Erfindungsgeist gar nicht ausgereicht, um jene Episoden zu erzählen, die Italiens Zeitungsleser seit einigen Tagen in Originalfassung verfolgen können. "Ich war in Tricks Büro", berichtet eine Stimme am 5. März 2005 um 4.33 Uhr. "Okay. Wie viele hast du?" "Acht Namen auf 400 Seiten." "Das genügt. Ich hol dich ab."

Mit zahlreichen Telefonmitschnitten wie diesen belegen Staatsanwälte einen brisanten Fall von politischer Spionage, dessen Dimensionen erst in Umrissen erkennbar sind. Vorerst ist klar: Trick ist der Codename von Alessandra Mussolini, Track der des Präsidenten der Region Latium, Piero Marazzo. Nach Tick sucht die italienische Staatsanwaltschaft derzeit noch. Mussolini und Marazzo waren bei der Regionalwahl vor einem Jahr Hauptgegner des damals amtierenden Präsidenten Francesco Storace.

Und beide wurden von einem obskuren Team systematisch beschattet, das jetzt im Gefängnis sitzt: elf Privatdetektive, zwei Offiziere der Finanzpolizei, zwei Telecom-Angestellte und ein Polizeiinspektor. Bei einem nächtlichen Einbruch in Tricks Büro fälschten sie jene Unterschriften, die zum Ausschluss der Partei Mussolinis von der Wahl führten. Sie hörten Telefone ab, kontrollierten Computer und Bankkonten und schnüffelten im Privatleben von Storaces Gegnern. Nach seiner knappen Wahlniederlage in Latium wurde der Rechtsausleger der Nationalen Allianz zum Gesundheitsminister befördert.

Am Freitag trat Storace als zwölfter Minister der Regierung Berlusconi zurück - nur zwei Wochen nach seinem Amtskollegen Roberto Calderoli. Storace stellte sich als Opfer der Spionageaffäre dar, doch Telefonmitschnitte belegen, dass zumindest einer seiner engsten Mitarbeiter eingeweiht war.

Nachdem die Tageszeitung La Repubblica den festgenommenen Offizieren der Finanzpolizei Nähe zum Geheimdienst nachgewiesen hatte, bot am Samstag auch der Chef des militärischen Abwehrdienstes Sismi, Nicolò Pollari, seinen Rücktritt an. Der Premier lehnte ab. Berlusconi sprach Storace sein "volles Vertrauen" aus. Dessen Erzfeindin Alessandra Mussolini, mit der er gegen den Willen der Nationalen Allianz ein Wahlbündnis geschlossen hat, versprach er gleichzeitig eine "lückenlose Aufklärung" der Spionageaffäre. (DER STANDARD, Printausgabe, 13.3.2006)

Gerhard Mumelter aus Rom
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