Das Genre Polizistenmordsong

22. März 2006, 16:51
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Unser Song aus 1974: "I Shot The Sheriff" von Eric Clapton

In der Popmusik liegt ewige Wahrheit. Nur welche? Diese Woche betrachten wir "I Shot The Sheriff" von Eric Clapton. Jetzt wird es gemein, dieser Song ist einer der berühmtesten aus dem Genre "Polizistenmord-Songs". Dieses ist als Unterkategorie des Protestsongs zu verstehen, geht aber über diesen hinaus, indem es Gewalt als legitimes Mittel anerkennt.

Bob Marley hat 1973 mit "I Shot The Sheriff" als erster Popsänger die Möglichkeit erörtert, sich gegen die Staatsgewalt durch einen Angriff auf ihre Repräsentanten zu wehren. Ursprünglich wollte Marley singen "I shot the police", doch weil er fürchtete, damit Schwierigkeiten mit dem damals totalitären jamaikanischen Regime zu bekommen, historisierte er die Polizistenfigur.

Als Eric Clapton Marleys Song 1974 in Amerika zum Hit machte, dachte jeder an den Wilden Westen, in Wirklichkeit aber konnte der Song auch in den USA durchaus als Kommentar zu realer Polizeigewalt gelesen werden, zum Beispiel vor dem Hintergrund der Rassenunruhen der späten Sechziger. Noch aber wird auf eine pauschale Verurteilung der Staatsgewalt verzichtet, im Refrain heißt es explizit, der Deputy bleibe verschont. Der Mord sei in "self-defense" geschehen und gelte nur der Tyrannei des Sheriffs.

Die Rapmusik entwickelte das Genre des Polizistenmordsongs in den Achtzigern dann weiter, freilich in der ihr eigenen Art, ohne sich noch lang mit Motiven und Unterscheidungen aufzuhalten. Den skandalösesten Polizistenmord-Rap lieferte Ice-T 1992 mit dem schnörkellosen "Copkiller": Vor dem Hintergrund der brutalen Misshandlung des Schwarzen Rodney King durch vier weiße Polizisten hat sich das Verhältnis zwischen Pop und Polizist so radikalisiert, dass es nur mehr lakonisch heißt: "It's better you than me" - lieber du als ich.

Diese Einstellung bedeutete jedoch das Ende für das Genre Polizistenmordsongs. Es wurde weit gehend verboten. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2006)

Von Philipp Oehmke

Tracklist:

Bobby Bland: "Ain't No Love In The Heart Of The City"
- Dolly Parton: "Jolene"
- Eric Clapton: "I Shot The Sheriff"
- Bachman-Turner Overdrive: "You Ain't Seen Nothing Yet"
- Udo Lindenberg: "Ich bin von Kopf bis Fuß auf Liebe eingestellt"
- Electric Light Orchestra: "Can't Get It Out Of My Head"
- David Allan Coe: "Would You Lay With Me (In A Field Of Stone)"
- The Meters: "Africa"
- Gil Scott-Heron & Brian Jackson: "The Bottle"
- Harmonia: "Dino"
- Sweet: "Fox On The Run"
- Sparks: "This Town Ain't Big Enough For Both Of Us"
- Nina Hagen: "Du hast den Farbfilm vergessen"
- Shuggie Otis: "Aht Uh Mi Hed"
- Tangerine Dream: "Sequent C"
- Tom Waits: "(Looking For) The Heart Of Saturday Night"
- Daryl Hall & John Oates: "She's Gone"
- William Devaughn: "Be Thankful For What You Got"
- Gene Clark: "No Other"
- Gram Parsons: "In My Hour Of Darkness"

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    cover: süddeutsche discothek
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