Die schlechten Seiten der guten Laune

8. März 2006, 20:19
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Der ewig unberechenbare John Cale gastierte im Wiener Birdland

Wien - Würde John Cale ein Didgeridoo blasen oder sich als Maultrommler versuchen, es kämen immer noch 500 Konzertbesucher - locker! Immerhin ist es John Cale. Legendärer Mitstreiter von und gegen Lou Reed bei Velvet Underground, Produzent von Meilensteinen von Patti Smith, The Stooges und auch des Debütalbums der am selben Tag in der Stadt gastierenden Berliner Combo Element Of Crime. Dazu ein begnadeter Solokünstler, der in seiner gut vier Jahrzehnte umfassenden Karriere fast immer spannend und unberechenbar blieb. Warum so jemand ausgerechnet in einem wohnzimmergroßen Club wie dem Birdland auftritt - ein Mysterium!

Die von einem Konzertgast geäußerte Vermutung, Cale würde hier gastieren, weil er quasi mit dem Aufzug direkt vom seinem Hotelzimmer in das Konzertlokal im Keller des Hilton fahren könnte, muss hier unbestätigt bleiben. Fakt ist: Der als griesgrämig verrufene Musiker war am Dienstagabend im ausverkauften Birdland in bester Laune.

Keine todbringenden Blicke gegen die Mitmusiker, stattdessen nette Dankesworte ans Publikum. Kein unwirsches Abspulen eigener Klassiker, sondern ein Konzert mit vielen wenig gespielten und neuen Songs samt Zugabe. Trotz der guten Laune - oder deshalb - lief an diesem Abend einiges falsch.

Begonnen hatte es viel versprechend: Nach der Eröffnungsnummer, dem Velvet-Underground-Klassiker Venus In Furs, bei dem Cale seiner elektrischen Geige das prägnante Schaben entlockte, schnallte sich der ergraute Waliser die Stromgitarre um und ließ es krachen - und zwar ordentlich.

Das selten gegebene Evidence war zu hören, ebenso Stücke des aktuellen Albums Black Acetate, auf dem Cale sich nach einigen mäßig überzeugenden Arbeiten wie HoboSapiens wieder in kreativer Hochform präsentiert. Etwa Turn The Lights On, das mit einem mehr als verdächtig nahe an Nirvanas Smells Like Teen Spirit gelegenen Eröffnungsriff überzeugt. Getrieben wurden diese grimmigen Rocker von Michael Jerome, dem kongenialen Drummer in Cales aktueller Band.

Doch nach einer guten ersten halben Stunde, als Cale erstmals die Akustische spielte oder kurz darauf ans Keyboard schritt, traten erste Mangelerscheinungen zutage. Cale präsentierte viele seiner obsessiven Stücke mit viel zu wenig Emphase. Es herrschte Routine statt Anteilnahme.

Schunkel-Pop

Bald sehnte man sich den Gram früherer Shows herbei, bei denen Cale vor sich und seiner üblen Laune in seine Songs flüchtete, um dort kleine Exorzismen durchzuführen. Man denke nur an das wahnwitzige Fear! Doch seine aktuelle Interpretation von Stücken wie Guts, die hätte auch Chris Norman zusammen gebracht: Glatt polierter Schunkel-Pop war das, passend zum Rauchverbotsschild, das der GesundheitsPunk für das Publikum gut sichtbar an seinem Keyboard applizieren ließ.

Nur in raren Momenten verlor Cale sich und ließ jene Magie entstehen, die vielen seiner Songs innewohnt. Das von Johnny Cashs I Walk The Line inspirierte (I Keep A) Close Watch am Ende der Show war so ein Moment. Selbst wenn er diese innige Liebeserklärung mit dem Geschmack der Verzweiflung auch schon einmal mehr gelebt hat - sie allein rechtfertigte schon den Besuch des Konzerts. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.3.2006)

Von Karl Fluch
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    John Cale

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