Viel Atomstrom in Tiroler Wasserkraft

4. April 2006, 14:02
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Tiwag-Bilanz: Jährlich 5,1 Mio. Euro für Brennstoffbeschaffung und -entsorgung

Innsbruck – "Die Tiwag täuscht die Konsumenten und verletzt das Wettbewerbsrecht", erklärt Ulrike Tembler, Konsumentenschützerin der AK-Tirol. In Prospekten biete die Tiwag "heimische saubere Wasserkraft" an. Tatsächlich sei der Atomstromanteil im Tiroler Netz der Tiwag nach Temblers Recherchen sehr hoch. Jedenfalls deutlich über den von der Tiwag auf den Stromrechnungen angegebenen elf Prozent.

Annähernd die Hälfte der 3338 Gigawattstunden, welche die Tiwag an die Endverbraucher in Tirol abgibt, bezieht sie von der bayerischen E.on und der baden-württembergischen EnBW. Beide liefern im Tausch für Spitzenstrom aus den Kraftwerken Sellrain-Silz und Kaunertal Bandstrom nach Tirol. Nach den Geschäftsberichten der beiden Stromriesen haben die EnBW 56 und die E.on 49 Prozent Atomstromanteil in ihrem Strommix. Für Greenpeace ist die Tiwag mit 27 Prozent nationaler Spitzenreiter im Atomstromranking.

"Den Leuten ist doch wurscht, woher der Strom kommt"

Tiwag-Chef Bruno Wallnöfer bestreitet die Vorwürfe, ist aber zu einer Offenlegung der Verträge nicht bereit. Unterstützung bekommt er von Landeshauptmann Herwig van Staa (VP): "Den Leuten ist doch wurscht, woher der Strom kommt." Dem widerspricht Gerhard Heiligenbrunner vom Umweltdachverband mit einer Umfrage: 88 Prozent wollen, dass kein Atomstrom verkauft wird, 59 Prozent sind bereit, für atomstromfreien Strom mehr zu bezahlen.

Markus Wilhelm hat auf der Homepage "www.dietiwag.at" brisante Tiwag-interne Bilanzdaten für 2005 veröffentlicht. Demnach sei die Tiwag durch den Sellrain-Silz-Vertrag mit der E.on so eng verbunden, dass sie im Vorjahr an die E.on für die anteilige Beschaffung von Atombrenn 4. Spalte stoff und dessen Entsorgung 5,1 Mio. € nach Bayern zu überweisen hatte. Wallnöfer war zu einer Stellungnahme dazu nicht erreichbar.

Tiwag und Landesregierung forcieren einen Ausbau von Pumpspeicherkraftwerken, zwei Milliarden Euro will die Tiwag in den nächsten zehn Jahren dafür investieren. Auch der dabei erzeugte Spitzenstrom soll wieder an E.on und EnBW exportiert werden. Der bei diesem Geschäft von der Tiwag bezogene zusätzlich bezogene Bandstrom, würde den Atomstromanteil für die Tiwag-Kunden noch einmal deutlich erhöhen. (hs, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 9.2.2006)

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