Der explodierte Blick: "Literatur im März"

13. März 2006, 20:43
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Das Festival lädt zum Entdecken der südafrikanischen Literatur ein, die nach dem Ende der Apartheid mit neuen und alten Konflikten beschäftigt ist

Wien - Kein John M. Coetzee und auch keine Nadine Gordimer: Die bekannten Namen sucht man im Programm der diesjährigen "Literatur im März", die sich von Donnerstag bis Sonntag in der Kunsthalle Wien Südafrika widmet, vergeblich. Dafür findet sich eine Reihe von Autoren der jüngeren Generationen ("Viele neue Namen"), die seit dem Ende der Apartheid an Bedeutung gewonnen haben.

"Man kann nicht sagen, dass die Alten fertig wären, vor allem Coetzee schreibt immer noch wichtige Bücher", sagt der deutsche Afrikanist Thomas Brückner, der das Festival zusammen mit Jyoti Mistry, Ilija Trojanow und Walter Famler kuratiert hat. "Das Programm gibt meines Erachtens dennoch einen guten Überblick über wichtige Stimmen der Literatur - vor allem solche, die im Lande auch gehört werden."

Sofern Literaten in Südafrika überhaupt gehört werden - die meisten verdienen im Ausland mehr Geld als in ihrer Heimat. Südafrika fehlt ein literarisches Netzwerk aus Verlagen, Buchhandlungen und Bibliotheken, wie wir es kennen. "Die meisten Bücher werden über Supermarktketten verkauft", erklärt Brückner. "Was das für ein Sortiment ist, brauche ich Ihnen nicht zu sagen." Außerdem: "Der Großteil der Bevölkerung, der vielleicht tausend Rand im Monat verdient, kann an Bücher sowieso nicht denken."

Dennoch hat sich in der Literatur des Landes in den letzten zehn, zwölf Jahren einiges bewegt. Auf der einen Seite verstummten zahlreiche Autoren, die ihre Arbeit über Jahrzehnte dem Kampf gegen die Apartheid verschrieben hatten. Wie auch schon im Osten Europas nach dem Fall des Eisernen Vorhangs zu beobachten, stürzten politische Schriftsteller mit dem Wegfallen des alten Gegners in ein Loch.

Auf der anderen Seite drängten Stimmen nach, die der neuen Wirklichkeit im Post-Apartheid-Staat nachspüren. Diese neue Wirklichkeit ist mit dem Titel der Podiumsdiskussion bei "Literatur im März" gut umrissen: "From race to class". Statt des großen Konflikts um Rassen und die Reinheit des Blutes, der mehr als vierzig Jahre alle anderen Probleme verdeckte, sind nun eine Vielzahl gesellschaftlicher Fragen aufgebrochen: vorrangig jene des Besitzes und der überhand nehmenden Gewalt, aber auch einst tabuisierte Themen wie Aids oder Homosexualität.

Schriftlose Gesellschaft

Einige Autoren bedienen sich dabei immer noch mit Vorliebe des gesprochenen Wortes. Der mündlichen Überlieferung von Text kommt aus historischer Hinsicht eine wichtige Bedeutung zu, so Brückner: "Dadurch, dass in Afrika bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts schriftlose Gesellschaften vorherrschten, wird auch heute vieles mündlich vermittelt, ob es nun die eigene Geschichte oder moralische Grundsätze sind. Die Dichtung hat in Südafrika immer noch Welterfahrungsfunktion."

Ihren Platz im öffentlichen Raum hat Literatur in Südafrika vor allem auf Festivals und im Rahmen von Performances der so genannten Musikpoeten. Diese versuchen mit ihren Auftritten einen Brückenschlag zwischen alten lyrischen Traditionen und modernen musikalischen Formen und wirken damit bis in den amerikanischen HipHop.

Angesichts großer US-Verlage, die mit billigen Taschenbüchern auf den südafrikanischen Markt drängen, befindet sich aber auch der Roman im Vormarsch. Als Schlüsselroman über das neue Südafrika wird zurzeit das jüngste Buch von Ivan Vladislavic gelesen. Es trägt den Titel The Exploded View und versucht, das in viele Splitter gesprengte Land durch Betrachtung der Einzelteile neu zusammenzusetzen.

Bei schwarzen Autoren spielt als Thema weiters die Rekonstruktion unterdrückter Identität hinein. Solche Forschungen nach der eigenen Geschichte haben Tradition, wurden früher jedoch von einer mächtigen Zensur unterdrückt. Dem in diesem Kontext einst wichtigsten Organ, der in den Fünfzigern gegründeten Zeitschrift Drum, ist in der Kunsthalle eine parallel zur "Literatur im März" beginnende Fotoausstellung gewidmet. Schon seit Februar läuft eine andere Schau unter dem Titel "Black, Brown, White".

Südafrika, wohin man blickt: Auch das in unseren Breiten bis dato kaum wahrgenommene Thema "Film in Südafrika" ist in Wien einzusehen. Im Filmmuseum startet am 15. März eine zehnteilige Reihe, die sowohl die Geschichte des südafrikanischen Films seit 1949 als auch die aktuelle Situation beleuchtet. (Sebastian Fasthuber/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 8. 3. 2006)

"Literatur im März":

Kunsthalle Wien, 7., Museumsplatz 1, Do, 9. 3., ab 19, Fr ab 17, Sa ab 16 und So ab 11 Uhr

"Drum. Fotojournalismus aus Südafrika" (bis 16. 4.) und "Black, Brown, White. Fotografie aus Südafrika" (bis 18. 6.) ebd., tgl. 10-19 Uhr, Do 10-22 Uhr

"Film in Südafrika" ab 15. 3. bis 27. 3. im Filmmuseum, 1., Augustinerstraße 1.

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"Literatur im März" - Viele neue Namen
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    Seit Sonntag der Gewinner des Oscars für den besten nicht englischsprachigen Film: "Tsotsi", der 2005 gedrehte südafrikanische Thriller von Regisseur Gavin Hood. In Wien zu sehen in der Reihe "Film in Südafrika" im Filmmuseum ab 15.3.

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