Ukraine kritisiert Österreich und Russland

16. März 2006, 16:28
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Präsident Juschtschenko will endlich wissen, wer hinter dem mysteriösen Gas-Transportkonsortium RosUkrEnergo steht

Viktor Juschtschenko will endlich wissen, wer hinter dem Transportkonsortium RosUkrEnergo (RUE) steckt. "Ich habe Russland und Österreich mehrere Male gebeten, uns über die Eigentümer zu unterrichten. Aber leider habe ich keine Informationen darüber bekommen, wer die Unterstützer dieser Firma sind", klagte der Präsident der Ukraine während eines Besuchs der EU-Troika in Kiew.

Zwischenhändler

RosUkrEnergo (RUE) ist ein in der Schweiz registriertes Transportkonsortium, an dem die russische Gasprombank und unbekannte Investoren, die von der RaiffeisenInvest AG (RIAG) vertreten werden, jeweils 50 Prozent halten. Bei der Vereinbarung zwischen Russland und der Ukraine nach dem Gasstreit zu Jahresbeginn hatte RUE als Zwischenhändler den gesamten Gastransport Richtung Europa zugesprochen bekommen. 80 Prozent des für Europa bestimmten Gases aus Russland geht über die Ukraine.

Außerdem bekam die RUE über ein Jointventure Zutritt zum Gasverkauf an ukrainische Endverbraucher. "RosUkrEnergo ist nicht in der Ukraine registriert. Wenn das der Fall wäre, hätte ich unseren Geheimdienst gefragt und hätte die Informationen binnen einer Stunde", sagte Juschtschenko. Aus Wiener Finanzkreisen verlautete allerdings, dass nie ein formelles Ansuchen um Aufklärung in Österreich eingelangt ist.

Lust auf Nabucco

Dafür ist die staatliche Naftogaz an einer Zusammenarbeit mit der OMV interessiert, und zwar beim Nabucco-Projekt, dem Bau einer Erdgaspipeline, die von der türkisch-iranischen Grenze bis zum OMV-Gasnetzknoten Baumgarten an der March führen würde. 4,5 Mrd. Euro soll die 3300 Kilometer lange Pipeline kosten, die über den Balkan nach Österreich führen soll.

Wie Viatcheslav Skopenko, Chef der Abteilung für Internationale Kooperation, unter zustimmendem Nicken von Vsevolod Shperun, dem Vizechef von Naftogaz, auf einer Landkarte zeigt, könnte ein Ableger der Pipeline in die Ukraine führen: "Entweder über Moldawien oder über eine Route durch das Schwarze Meer", sagte Skopenko zum STANDARD. "Die Ukraine hat sich als Partner angeboten. Wir betrachten das Projekt mit großem Interesse, denn das würde auch unsere Abhängigkeit von Russland verringern."

Rund 40 Prozent des ukrainischen Gasbedarfs wird durch russische Lieferungen gedeckt, ein etwa gleich hoher Anteil aus Turkmenistan, der Rest sind eigene Ressourcen. "Wir verfolgen das wirklich mit Interesse. Aber bisher hat die OMV nicht darauf reagiert", sagte Skopenko. Neben der OMV sind die ungarische Mol, die rumänische Transgaz, die bulgarische Bulgaragaz und die türkische Botas an Nabucco beteiligt.

In Wien sagte ein OMV-Sprecher, dass derzeit kein Ableger der Pipeline in die Ukraine geplant sei. Allerdings werde man sich "diesbezügliche Wünsche" von Anrainern noch genauer ansehen.

Verhandlungen

Naftogaz-Vize Shperun betonte, dass es noch keine endgültige Vereinbarung über die Gaslieferungen aus Russland gibt. So werde noch über eine Vereinbarung zur Gasmenge verhandelt. Es gebe auch "eine hohe Wahrscheinlichkeit", dass von einer neuen ukrainischen Regierung nach den Wahlen am 26. März die Grundsatzvereinbarung neu verhandelt wird. Die Ukraine würde gerne noch einmal an der Preisschraube drehen.

Sie hat sich im Zuge der Beilegung des Gasstreits verpflichtet, rund 95 US-Dollar pro tausend Kubikmeter zu zahlen, fast das Doppelte des früheren Preises. "Dabei wird es vermutlich bleiben, auch wenn wir natürlich glücklich wären, wenn sich hier noch ein Abschlag herausholen ließe", sagte Shperun. (Alexandra Föderl-Schmid aus Kiew, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 4./5.3.2006)

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