Der Anfang vom Ende

7. März 2006, 14:04
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Der Wirt war früher eine Institution gewesen. Einer von den Leuten, die zu den Bekannten zu zählen, schick war ...

Es war vergangene Woche. Und es traf mich hart. Weniger, das, was der Wirt da grölte, sondern die Augen seines Kellners. Weil der Ausdruck in ihnen zeigte, dass er dabei war zu erkennen, wie das alles weiter gehen würde – und langsam begriff, dass er dabei vermutlich auf der Strecke bleiben würde.

Wir waren im Zwischenstromland mit Freunden essen. Weil wir den Wirt von früher kannten. Und seine Küche und seine Art, an das Thema „Gasthaus“ heranzugehen, immer geschätzt hatten. Ihn ¬ anfangs – auch.. Dass er nun, seit ein paar Monaten, im zweiten Bezirk einen Neustart versuchte, fanden wir toll. Und folgten seiner Bitte, ihn vor sich selbst zu schützen: Keine Lokalrezensionen, keine Eröffnungsstory und auch keine wie auch immer geartete Szeneberichterstattung, ¬ nein, auch keine Insidertipp-Andeutungen: Auf manche Leute und die mit ihnen einhergehenden Versuchungen und Nebenwirkungen könne, wolle und müsse er gern verzichten.

Institution

Der Wirt war früher eine Institution gewesen. Einer von den Leuten, die zu den Bekannten zu zählen, schick war. Sehr schick. Jedenfalls so lange, bis der Wirt begann, ungut zu werden. Nicht seltsam, sondern ungut. Richtig ungut. Weil er sich in Gespräche und Gesellschaften einmischte, die ihn nichts angingen. Weil er anlassig wurde. Weil er mitunter aggressiv wurde. Und weil es nicht jeder lustig findet, wenn ein Wirt sich mit der Hand Essbares vom vor dem Gast stehenden Teller fischt.

Natürlich gab es für alles Erklärungen. Und am nächsten Tag hatte es dem Wirten ja auch immer Leid getan. Sehr. Meist rief er an und entschuldigte sich. Einmal schickte er A. sogar Blumen in die Agentur. Und jedes Mal schwor er, dass er den Schnaps von hinter der Budel in Zukunft nur noch den Gästen kredenzen würde. Wir hätten ihm auch gerne geglaubt.

Ausbleiben

Irgendwann – nach der fünften oder sechsten gröberen Ausfälligkeit – hatten wir dann eben einfach aufgehört, zu kommen. Nicht sofort, aber sukzessive. Und weil wir da nicht die Einzigen waren, blieb dem Wirten immer schneller immer mehr Zeit und Schnaps für sich. Irgendwann einmal, schon vor langer Zeit, standen wir vor einer staubig-blinden toten Gasthaustür. Aber dann, vor ein paar Monaten, kam ein Anruf: B. war eher zufällig in einer kleinen Gasse in der Leopoldstadt in ein Lokal gestolpert (sie wollte nach dem Weg fragen, aufs Klo gehen oder sonst was Nebensächliches tun). Sie war dem Wirten in die Arme gelaufen. Er freute sich. Und war wie ausgewechselt: Das sei sein neues Lokal. Ein Neustart. Er sei trocken – und das würde so bleiben. Schon alleine, weil ihm die Bank das Geld für einen dritten Start sicher nicht vorstrecken würde.

Früher-Früher

Wenige Tage später waren wir geschlossen bei ihm einmarschiert. Alles war wundervoll. Wie früher. Also so, wie früher-früher. Und manchmal standen wir dann alle gemeinsam an der Bar und taten melancholisch: Weil es schon seltsam sei, wenn wir, die wir doch immer geglaubt hatten, nie alt zu sein, plötzlich zugeben müssten, Nostalgie nicht mehr für eine Krankheit zu halten, die nur andere befällt.

Aber neulich, letzte Woche, war dann von früher-früher nur mehr früher übrig: Der Wirt saß am Stammtisch und brüllte uns beim Eintreten entgegen, was wir heute zu essen und zu trinken hätten. Wir dachten, er scherze. Aber dann fragte er B. quer durchs Lokal, wie und wann sie es das letzte Mal mit ihrem Liebhaber gemacht hätte – und ob ihr Mann denn wirklich wisse, mit welcher Körperöffnung sie ihr Geld verdiene. Auf dem Tisch standen Schnapsflasche und -glas.

Als der Wirt aufstehen wollte, um sich zu uns zu setzen, legte ihm sein Kellner den Arm auf die Schulter und drückte ihn zurück auf die Bank. Sein Blick zu uns herüber war als Entschuldigung gemeint. Er wusste nicht, dass wir wussten, was ihm selbst vielleicht erst unterschwellig klar war. Aber vermutlich werden wir darauf verzichten, vor Ort herauszufinden, ob wir uns da nicht vielleicht doch getäuscht haben.

  • Stadtgeschichten von Thomas Rottenberg

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"Wiener Stadtgeschichten" mit Illustrationen von Andrea Satrapa-Binder, Echomedia Verlag Ges.m.b.H., ISBN 3-901761-29-2, 14,90 Euro.

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