Mal schnell nach Peking

2. Mai 2006, 14:24
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London hinkt eine Stunde hinterher, Bangkok ist uns sechs Stunden voraus - oder waren es sieben? Wer sichergehen will, braucht eine Uhr mit Zeitzonenanzeige

Kein bisschen Mandelkrokant lagert in dieser Bonbonniere, auch das feine Bouquet von Orange-Marzipan vermisst man in diesem Fall. Wer an der Genfer Rue des Vieux-Grenadiers 7, im Museum des Uhrmachers Patek Philippe vor der delikaten "Weltzeit-Bonbonniere" Halt macht, kann dem Döschen anstelle von Süßigkeiten doch immerhin 53 eingravierte Ortsnamen entnehmen. Auf einem drehbaren Ring sind sie untergebracht, rund um ein Vierundzwanzigstundenzifferblatt.

Als das museale Stück im Jahre 1790 die Werkstatt verließ, waren Zeitzonen noch kein Thema. Wer wann wo gerade zu Mittag aß oder auf einen wartete, spielte nämlich erst weit später eine Rolle, und zwar mit dem Aufkommen der Eisenbahn, am stärksten in den Weiten der Neuen Welt. Schiebt man Buster Keaton und die neben dem üblichen Feuerross galoppierenden Indianer kurz aus dem Cinemascopebild, so lässt ja allein ein kurzer Blick auf die Fahrpläne die eigentlichen Gefahren des Westens aufblitzen - nämlich die chronisch missglückte Koordinierung damaliger Zugverbindungen. Einmal Prärie und zurück - das war für Amerikas Fahrplangestalter einst vor allem ein Irrweg durch 49 verschiedene Zeitzonen.

Als der Franzose Louis Cottier in den Dreißigern einen Chronometer entwickelte, der die wichtigsten Städte jeder Zeitzone auf einem verstellbaren Ring anführte, waren die Wege über die Erde bereits weit passgenauer gestückelt. Bereits 1884 war die Festlegung auf die Greenwicher Mean Time (GMT) erfolgt. Die Tüftelei, alle Zeit der Welt auf ein und derselben Uhr darzustellen, gestaltete sich freilich weit diffiziler als die Vereinheitlichung der Zeitzonen. Bis heute hat sich daran nichts geändert- im Gegenteil: Das Thema Zeitzonenanzeige ist en vogue, auch und gerade bei den Vertretern der mit komplizierten Sammlerstücken befassten Haute Horlogerie. Anleihen bei klassischen Entwürfen können die Meisteruhrmacher der handverlesenen Labels dabei allemal machen.

Erinnerung an die Fünfzigerjahre

So werden die Weltzeituhren von Patek Philippe im Prinzip noch heute nach der Konstruktion Louis Cottiers umgesetzt, und wer eine "GMT Master II" von Rolex sein Eigen nennen kann, wird dabei zwangsläufig an die Fünfzigerjahre erinnert; schließlich lieferte Rolex damals eigens für die Piloten der Pan Am entwickelte Zeitzonenuhren, an denen sich auch die "GMT Master II" orientierte: Mittels Extrazeiger und drehbaren Rings wird eine zweite Zeit eingestellt - gestern wie heute.

Reizvoll ist an den Lösungen, dem Träger die Zeit verschiedenster Orte anzuzeigen, wohl vieles: Hersteller Jacob & Co. tut dies vermöge "subdials" und bringt mit dem Modell "Five Time Zones" gleich fünf Zifferblätter auf engstem Raum unter. Assoziationen zu jenen Wanduhrenensembles, die hinter Hotelrezeptionen und Bankschaltern Platz finden, stellen sich da nur allzu mühelos ein - und mit ihnen auch jene exklusiv gefärbte Aufbruchsstimmung, die Foyers von Grand Hotels, Zeitzonenuhren und Krokolederkoffer von jeher verbindet.

Das Unterbringen zusätzlicher Zifferblätter beschreibt freilich nur eine der möglichen Lösungen, den Büroschluss des Geschäftspartners in Übersee nicht zu verschlafen. Blickt man in diesem Zusammenhang auf die Modellpalette des Erzeugers Jaeger-LeCoultre, so bleibt das zweite Zifferblatt, das etwa die "Reverso Duoface" aufweist, nur eine beliebige Spielart, mit der Komplikation Zeitzone umzugehen. Zwei Stundenzeiger oder aber eine Scheibe mit 24 Städten bzw. Zeitzonen belegen das im Rahmen der Jaeger-LeCoultre-Master-Linie.

Globale Zeitfenster mit Charme

Bei der "Master Geographic" kann man Städte verschiedener Kontinente in einem kleinen Fenster ablesen. Wählt man eine davon aus, erscheint die jeweilige Lokalzeit auf einem zweitem Zifferblatt. Die mit acht Tagen Gangreserve versehene "Panerai Radomir 8 Days GMT" zeigt die zweite Zeitzone indes gleich doppelt an: mit separaten Zeigern auf dem Zwölfstundenzifferblatt, und auch auf einem kleineren Vierundzwanzigstundenzifferblatt.

Mitunter würzen charmante Details die aufwändig konstruierten Mechanismen. Die sächsische Nobelmarke A. Lange & Söhne beweist dies etwa mit der vor Kurzem vorgestellten "Lange 1 Zeitzone": Ein kleiner Pfeil, der auf einen nachtblauen Bogen neben dem Zifferblatt weist, verrät hier, dass andernorts gerade Schlafenszeit herrscht. Andere Modelle, wie die "WW.TC Tourbillon" von Girard-Perregaux, haben für diesen Hinweis ein dunkles Himmelszelt plus Mondsichel parat. Und nicht zu kurz kommt in jedem Fall der Reiz der weiten Welt - und deren prinzipielle Widersprüchlichkeit. Dass New York und Dhaka am selben Zifferblatt Platz finden und Denver schräg gegenüber von Karatschi liegt, zählt zu den exotischen Paarungen, die Weltzeituhren auf Lager haben. Tröstliches Fazit hinterm Uhrglas: Vor dem Längenmeridian sind alle Städte gleich.
(Robert Haidinger/Der Standard/rondo/03/03/2006)

  • Jaeger-LeCoultre Reversa Duoface
    foto: hersteller

    Jaeger-LeCoultre Reversa Duoface

  • Lange 1 Zeitzone
    foto: hersteller

    Lange 1 Zeitzone

  • Panerai Radiomir
    foto: hersteller

    Panerai Radiomir

  • Girard-Perregaux WW.TC Tourbillon
    foto: hersteller

    Girard-Perregaux WW.TC Tourbillon

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