Sammler in einem Tag

17. Juli 2006, 16:44
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Adolf Loos' Villa Scheu in Wien Hietzing steht zum Verkauf

Wien - Die im Album-Verlag erschienene und von Markus Kristan herausgegebene Serie zu den wichtigsten Architekten des 20. Jahrhunderts gilt längst als Standardwerk.

Für Kunsthistoriker und Jugendstil-Experten auch deshalb, weil auf den begleitenden Schwarz-Weiß-Fotografien die Interieurs in ihrer originalen Konstellation zu sehen sind und bei Möbeln als historischer Beleg bzw. Basis für Zuschreibungen dienen.

Im Band Adolf Loos Villen finden sich auf den Seiten 37 bis 40 etwa Aufnahmen zum "Haus Scheu" aus den 30er-Jahren. Und eben dieses steht nun - über Marschall Immobilien, dem Christie's Great Estates Partner in Wien - zum Verkauf: komplett, samt originaler Inneneinrichtung.

Im Laufe seiner 35 Schaffensjahre erbaute Adolf Loos mehr als 60 Villen, wovon die Mehrzahl allerdings in der zweiten Hälfte seiner Berufstätigkeit entstand.

Markus Kristan nennt Loos als einen der erfahrensten und profiliertesten Spezialisten für Einfamilienhäuser und Wohnungseinrichtungen: "Diese Spezialisierung war wohl nicht allein das Resultat seines eigenen Wollens, sondern ergab sich zwanghaft aus Mangel an größeren Bauaufgaben - vor allem dem nahezu vollkommenen Fehlen öffentlicher Aufträge", so Kristan. Ein Blick auf das Werkverzeichnis von Loos zeigt, dass Einfamilienhäuser und Wohnungseinrichtungen den Löwenanteil einnehmen.

"Neben seiner drittgrößten Werkgruppe, Läden und Lokale, teilen sich Denk- und Grabmäler, städtebauliche und monumentale Projekte, Stadthäuser, Siedlungen und Kleinwohnungshäuser sowie Designeraufgaben das restliche architektonische Gesamtwerk."

Die Auftraggeber fand Loos im Kreise von Intellektuellen, Künstlern, Industriellen, Bankiers, selbstständig Gewerbetreibenden und Kaufleuten. So wurde Loos vom Ehepaar Gustav und Helene Scheu mit der Errichtung einer Villa in der Larochegasse 3, eingebettet im noblem Hietzinger Viertel, beauftragt.

Unter Denkmalschutz

Gustav Scheu war Rechtsanwalt, sozialdemokratischer Kommunalpolitiker und von 1919 bis 1920 Stadtrat für Wohnbau. Seine Gattin Helene Scheu-Riess war Schriftstellerin und Verlegerin.

In dem 1912/13 errichteten Bauwerk, seit 1971 unter Denkmalschutz gestellt, finden sich zahlreiche Loos-Klassiker, die sich mit den Stichworten mediterraner Hintergrund, kubische Hauskörper mit glatt eingeschnittenen Öffnungen benennen ließen.

Ein bauliches Element, das Loos immer wieder im Rahmen von Wohnungseinrichtungen und Villenbauten verwendete, zeigt die Beeinflussung durch seinen vierjährigen Amerikaaufenthalt als junger Mann: der der amerikanisch-englischen Lebens- und Wohngewohnheit entsprechende Kaminplatz.

Für Peter Marschall ist der Verkauf dieses "einzigartigen Architekturjuwels" ein ganz besonderer Auftrag: "Das viergeschoßige Gebäude besticht durch die für Loos typische ästhetische Strenge und die markante asymmetrische Form", beschreibt er.

Umrahmt wird die Villa mit einer Gesamtnutzfläche von etwa 425 Quadratmeter Wohnfläche plus 78 Quadratmeter Terrassen (Grundstück 685 Quadratmeter) von einem romantischen Garten mit altem Baumbestand.

"Das Gebäude, die Inneneinrichtung und Möblierung sind im Originalzustand erhalten", so Peter Marschall. Für den Kaufpreis von 2,2 Millionen Euro ersparen sich Jugendstilfanatiker damit auch gleich die Mühsal jahrelanger Sammeltätigkeit.

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