Musik mit Links

2. März 2006, 17:42
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Die Revolution der Musikindustrie findet langsam statt, so beim basisdemokratischen Internetdienst myspace.com

Die Revolution findet statt. Endlich. Der basisdemokratische Internetdienst myspace.com droht, die althergebrachte Musikindustrie tatsächlich in ihren Grundfesten zu erschüttern.


Zwar läuft das Interesse für diese Website zumindest in Österreich erst langsam an. Im Jahr 2005 aber war einer der international meistgesuchten Begriffe auf Google laut hauseigener Statistik bereits "Myspace". Inzwischen zählt der unscheinbare Internetdienst nicht nur über 40 Millionen angemeldete Benutzer, Tendenz rapid steigend. Der US-Amerikaner Tom Anderson, einer der beiden Gründer von www. myspace.com konnte bereits im Sommer des Vorjahres die Myspace-Heimat Intermix Media für sage und schreibe 580 Millionen Dollar an den australischen Medientycoon Rupert Murdoch verkaufen.

Immerhin verbirgt sich hinter dieser Website nicht nur laut Branchenberichten im Wired Magazine, in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung oder auf heise.de nichts weniger als das "MTV der Zukunft". Mit heute über 400.000 hier vertretenen Bands und Künstlern, auf deren Musik man in Form einzelner Songs gratis zugreifen kann, könnte sich in der nahen Zukunft tatsächlich endlich jene musikalische Revolution abzeichnen, mit der die Diktatur der großen Medienkonzerne zumindest über Konsum und Absatz in Form basisdemokratischer und nicht marketingstrategischer Entscheidungen ausgehebelt werden wird. Sprich: Bei myspace.com entscheidet der Benutzer und nicht die Werbeabteilung der großen Plattenfirmen über die Geschicke neuer Musik.

Aufgebaut ist die Seite als große Gemeinschaft von Gleichgesinnten. Hier wird man nicht Mitglied, sondern "Freund". Man verlinkt sich nicht nur untereinander, um sich privat auszutauschen. Vor allem auch stellt man eigene Musik ins Netz oder empfiehlt seinen Freunden über Links eigene, auf Myspace vertretene Favoriten.

... der Rest ist Geschichte

Diese tatsächlich aus dem reinen Fantum kommende Begeisterung für Musik brachte im vergangenen Jahr speziell zwei Bands zum internationalen Erfolg, die sonst womöglich im Getriebe althergebrachter Vermarktungswege und -techniken völlig untergegangen wären. Die blutjungen britischen Arctic Monkeys etwa stellten Mitte 2005 Teile ihres jetzt im Jänner 2006 offiziell auf CD veröffentlichten Albums Whatever People Say I Am, That's What I'm Not ohne Plattenvertrag online.

Der Rest ist Geschichte. Denn die räudigen wie mitreißenden Gitarrenrocker konnten sich dank des enormen Online-Interesses für ihre charmant unfertig produzierte Musik sehr schnell nicht nur nicht mehr zahlreicher Angebote der Industrie erwehren: Anhand der Arctic Monkeys lässt sich auch feststellen, wie hier ein sich verselbstständigendes Marketing ohne millionenschwere Budgets in Zeiten des Internets funktioniert. Eine erste Englandtournee fand ohne Plattenvertrag in ausverkauften, großen Hallen statt.

Auch die Befürchtungen, mit Gratis-Downloads im Internet würden sich keine Geschäfte mehr machen lassen, blieben ohne Auswirkung für den Handel alter Schule. Innerhalb eines einzigen Monats nach Erscheinen der offiziellen CD beim kleinen, in letzter Zeit vor allem mit Franz Ferdinand hervorgetretenen Independent-Label Domino Records konnte man über 360.000 CDs offiziell absetzen. Allein auf dem britischen Markt. Ein Erfolg, der seit den Zeiten der Beatles nicht mehr möglich schien.

Selbstläufer

Zusätzlich gelangte auch eine US-Band über den Multiplikationsfaktor Myspace zu unerwartetem internationalen Erfolg. Die in Philadelphia und New York beheimateten Clap Your Hands Say Yeah, denen kaum eine große Firma wegen ihres sperrigen, intellektuell angehauchten Folkpop im Stile der frühen Talking Heads eine Chance gegeben hätte, verkauften im Vorjahr allein über die online als Selbstläufer vonstatten gegangene Mundpropaganda in Eigenregie im Postversand 25.000 Stück ihres titellosen Debütalbums. Und auch der offizielle Tonträgerverkauf steht dem derzeit in nichts nach.

Nicht nur, dass sich hier eine ganze Szene junger Musikbegeisterter nach den Jahren des Do-it-yourself-Punk ein Vierteljahrhundert später endlich wieder selbst zu verwalten scheint. Das Angebot, teilweise Material von verehrten Künstlern gratis aus dem Internet als MP3-Files zu laden, dürfte obendrein kaum das Bedürfnis ersetzen, diese Musik tatsächlich auch haptisch in Händen zu halten. Erstens sind die Möglichkeiten der Reproduktion von Covers und CD-Heften nach wie vor mehr als bescheiden. Zweitens lässt die aus dem Netz gezogene Tonqualität der Songs und Alben selbst auf offiziellen Marktführer-Seiten wie iTunes nach wie vor stark zu wünschen übrig.

Endlos artverwandte Titel

Man findet nicht nur ausgefallenere Musik auf den großen Download-Seiten nach wie vor nicht im Angebot. 99 Cent pro Song, der dann auf besseren Stereoanlagen zu Hause mehr als armselig klingt, können auch nicht des Rätsels Lösung sein, wenn es darum geht, den alten Gang ins CD-Geschäft mit Internetangeboten aufzuwiegen. Für Konsumenten, deren musikalisches Interesse sich weniger über CDs als über kostenlose Musik aus dem Internet definiert: Neue Homepages wie der individuell zu nutzende Gratisdienst www.pandora.com gehen hier längst einen Schritt weiter. Bei Eingabe eines Lieblingsliedes spielt Pandora endlos artverwandte Titel ab. In voller Länge. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 24.2.2006)

Von Christian Schachinger

Links

myspace.com

pandora.com

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    Von Sheffield ins Netz und weiter: Erfolgsgeschichte Arctic Monkeys

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