"Zeit, mit den Legenden aufzuräumen"

3. März 2006, 19:57
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Mladic-Festnahme wäre laut NGO Chance zur Aufarbeitung der Vergangenheit

Die Berichte über die mögliche Verhaftung von Ratko Mladic in den serbischen Medien lösen bei Sonja Biserko, Chefin des serbischen Helsinki-Komitees, einer Nichtregierungsorganisation mit Sitz in Belgrad, durchwegs gemischte Gefühle aus.

Einerseits kommt Serbien "seinen internationalen Verpflichtungen vielleicht doch noch nach", freut sich Biserko. Ganz anders beurteilt sie die politischen Auswirkungen einer möglichen Auslieferung

Mladic' an das UNO-Sondertribunal für Ex-Jugoslawien in Den Haag: "Serbiens Regierung würde denken, alle Verpflichtungen gegenüber Den Haag erfüllt zu haben. Nur das wäre nicht der Fall."

Neben der Verhaftung von Radovan Karadzic gelte es nämlich in der serbischen Bevölkerung endlich mit "den Legenden und Mythen rund um Mladic und Karadzic aufzuräumen". Die Verfahren in Den Haag, etwa gegen den serbischen Ex-Diktator Slobodan

Milosevic, könnten die Aufarbeitung der jüngeren serbischen Geschichte beschleunigen, ist Biserko überzeugt.

Aber für die Regierung unter Premier Vojislav Kostunica sei das Gericht in Den Haag nur eine "antiserbische Institution". Wenn Belgrad nun langsam doch einlenkt, dann wegen der wirtschaftlichen Interessen: Die Drohungen der EU, die Verhandlungen über ein Assoziierungs- und Stabilisierungsabkommen mit Serbien auszusetzen, wenn Belgrad bei den Kriegsverbrechern nicht kooperiert, habe den Druck auf die Regierung erhöht, glaubt Biserko.

Die Serben würden für Mladic trotz seiner Beliebtheit nicht auf die Straßen gehen, um dessen Auslieferung nach Den Haag zu verhindern. Dazu habe er zu wenige fanatische Anhänger. Die habe Mladic nur bei denen, die ihn in den letzten Jahren versteckt hielten, sagt Biserko: "Also bei der Armee, in der Polizei oder in der Kirche." (szi, DER STANDARD, Print, 23.2.2006)

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